Und es gibt sie doch: Konservative Studenten an der Uni Köln. Tiefstschwarze Finsterlinge, die im Untergrund ihr zynisches, menschenverachtendes Gedankengut verbreiten und so auf die Vernichtung allen irdischen Lebens hinarbeiten. Einen dieser Satansjünger, nämlich Carlo Clemens, hat sich die Pickelhaube geschnappt und zum Gespräch gezwungen. Das Ergebnis ist unten zu lesen.
Die Pickelhaube: Carlo, neben deinem Lehramtsstudium schreibst du unter anderem für die Blaue Narzisse (BN) sowie die Junge Freiheit (JF) und hast bereits einen Preis für Jungautoren gewonnen. Woher kommt der Antrieb für diese zeitaufwendige Nebenbeschäftigung?
Carlo Clemens: Das Schreiben liegt mir einfach. Im Deutschunterricht waren Aufsätze kein Problem, im Geschichts- und Politikunterricht habe ich gerne diskutiert. Wenn mir ein Thema lag, habe ich mich besonders ins Zeug gelegt. Durch Artikel, die publiziert werden, schaffst du, daß etwas bleibt. Es war ein Glücksfall, daß ich Anfang 2008 mit der Blauen Narzisse auf eine Plattform gestoßen bin, die mir politisch zum einen nahe stand, zum anderen als Jugend-Magazin Texte veröffentlicht, die in einer professionellen Zeitung nicht erschienen wären. Das war ein Erfolgserlebnis, meinen Namen und meine Artikel auf dem Bildschirm zu lesen.
In seinem facebook-Profil nennt Jonas Thiele, der Kölner AStA-Vorsitzende und Angehörige der Grünen Hochschulgruppe, als geistiges Vorbild Karl Marx. Wer ist für dich ein Vordenker, eine Inspirationsquelle?
Interessant. Ich dachte, die Grünen wären die Partei der Besserverdienenden und Latte-Machiatto-Yuppies? Da ich ja jung bin, habe ich viele Klassiker, die ich mir vorgenommen habe, noch gar nicht gelesen. Mein Noch-zu-lesen-Bücherstapel wird Monat für Monat größer statt kleiner. Mein Lieblingsvordenker ist Armin Mohler. Mohler, der 2003 verstarb, war Wahldeutscher aus der Schweiz und bezeichnete seine Position “zwischen den Stühlen” als “fruchtbaren Standort”: “Daß man halb dazu gehört, halb wieder nicht, verschafft Einfühlung und Distanz zugleich.” Das erinnert mich an mich. Aktuell ist der Göttinger Historiker Karlheinz Weißmann der unangefochtene spiritus rector für alle Konservativen im deutschsprachigen Raum, für mich ebenso.
Armin Mohler ist ein Vertreter der sog. Konservativen Revolution, die sich auch heute noch auf dezidiert antirepublikanische Strömungen in der Weimarer Republik beruft. Wie kannst du da erwarten, in der BRD auf Dialogbereitschaft zu stoßen? Siehst du in einer ‘Revolution’ keinen Widerspruch zum Konservativ-Sein und zur Verfassung?
“Konservative Revolution” ist ein Begriff, der erstmal widersprüchlich scheint: Der Konservative will ja bewahren, Ordnung schaffen. Es ist ein Sammelbegriff für verschiedene ideelle Strömungen und nicht unumstritten. Als geistiger Fundus für uns aber sehr wertvoll – wieso nicht darauf zurückgreifen? Weil die Herren damals keine lupenreinen Demokraten zivilgesellschaftlicher Provenienz waren? Karl Marx gälte heute, nach AStA-Logik, übrigens auch als Rassist und Sexist, mindestens.
Und wieso fühlst du dich durch Mohler an deine eigene Situation erinnert?
Durch meinen Migrationshintergrund, meine Mutter kommt selbst aus dem Ausland. Vor diesem Hintergrund können viele meine Einstellung nicht verstehen, nach dem Motto: Ein “Migrant” muß Rot-Grün wählen und sich für Toleranz und so dankbar zeigen. Weil die Rechten alle rassistisch sind und mich insgeheim in die Gaskammer stecken wollen.
Du wirkst – jetzt ganz unabhängig von deinen politischen Überzeugungen – deutscher als viele andere in diesem Land, bist hier geboren und aufgewachsen. Wieso sitzt du zwischen den Stühlen? Fühlst du eine starke Verbundenheit zum Herkunftsland deiner Mutter?
Ich empfinde Sympathie für die lebensfrohe Mentalität der Leute auf den Philippinen. Gerade weil ich das Glück hatte, in einem materiell reichen Land geboren zu sein, gehört es sich nicht, die Verwandten am anderen Ende der Welt, die nur einen Bruchteil meiner Möglichkeiten haben, einfach zu vergessen.
Neben Mohler nanntest du Karlheinz Weißmann. Was ihn angeht, so ist mir nicht genau klar, wofür er und die Sezession eigentlich stehen: Einerseits kritisiert Weißmann Aufklärung und Parlamentarismus in schärfstem Ton, mitunter, wie ich finde, auch schlichtweg unseriös. Andererseits scheint er das politische System der BRD nicht grundheraus abzulehnen und hofft auf Parteigründung durch intelligente Konservative wie Norbert Bolz. Könntest du kurz zusammenfassen, warum Weißmann als Theoretiker der Konservativen eine solch wesentliche Funktion zukommt?
Generell fehlt so etwas wie eine geistige Tradition des Konservatismus in unserer Geistesgegenwart und im Alltag. Weißmann leistet Pionierarbeit, indem er federführend Studien, Handbücher und Lexika herausbringt, in denen grundlegende Dinge, die durch die fehlende geistige Tradition eben nicht selbstverständlich sind, gezielt zusammengefaßt werden. Von dieser Vorarbeit werden spätere Generationen sehr profitieren.
Kommen wir von der Theorie zur Praxis. Können, deiner Auffassung zufolge, Konservative an der politischen Willensbildung hierzulande noch teilhaben? Wenn nicht, woran liegt das?
Im Parteienspektrum sind wir nicht vertreten. Auch ein Hürdenlauf durch die CDU ist vergeblich, denn es liegt in der Natur der Sache, daß diejenigen hoch kommen, die keine Kanten haben. Oder wie erklärst du dir, daß niemand gegen Merkel aufbegehrt und sie so fest im Sattel sitzt, obwohl die Union eine Wahlniederlage nach der anderen einsteckt und inhaltlich von der SPD im Wesentlichen nicht mehr zu unterscheiden ist?
Aber politische Arbeit in einer pluralistischen Gesellschaft erfordert doch grundsätzlich Anpassungsbereitschaft. Insofern ist es kein Wunder, daß man nur dann ein Spitzenamt erreicht, wenn man in der Lage ist, breite Konsense zu organisieren. Würdest du denn nicht sagen, daß die Fähigkeit und Bereitschaft zum politischen Kompromiß eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren jedes (nicht-monarchischen) Gemeinwesens ist?
Als Praktiker mußt du Kompromisse eingehen können. Doch für die Macht alle Grundsätze über Bord schmeißen? Wem oder was soll die Macht dann nützen? Eine Überzeugung kann man doch nicht einfach so ablegen.
Können sich Konservative denn beklagen? Sie sind offensichtlich nicht in der Lage, die Deutschen davon zu überzeugen, daß sie die besseren politischen Konzepte haben. Das Volk ist nunmal der Souverän – insofern verwundert nicht, daß die CDU ihre Wähler in der Mitte sucht.
Bei internen Debatten geht es in der Union immer darum, mehr Prozentpunkte, neue Wählerreservoirs zu erreichen. Es geht scheinbar nie darum, die eigenen Werte in der Gesellschaft zu verankern. Um Deutschland geht es sowieso lange nicht mehr, nur um “Europa”, was synonym für “Europäische Union” benutzt wird, was aber nicht das Gleiche ist.
Also sollte man sich nicht nur auf die Pragmatik beschränken, sondern konservative/rechte Ideale vertreten. Würdest du sagen, man müßte die Bezeichnung “rechts” enttabuisieren, offensiv verwenden und mit einem klaren Wertefundament und konkreter politischer Programmatik versehen, auch in deutlicher Abgrenzung zur rechtsextremen NPD? Sollte man, wie Dieter Stein es tut, auf die Bezeichnung ‘konservativ’ setzen? Oder handelt es sich um einen sinnentleerten Streit um oberflächliche Begriffe?
Konservativ ist rechts der beliebigen Mitte, rechts ist aber nicht gleich konservativ. Ich kann mit letzterem leben. Trotzdem sollte den Leuten wieder klar werden, daß das Meinungsspektrum von links nach rechts geht und nicht von linksextrem bis gemäßigt links. Genauso wie ich zwischen Kommunisten, Trotzkisten und Sozialdemokraten unterscheide, sollte es selbstverständlich sein, daß zwischen Konservativen, Nationalliberalen und Nationalsozialisten unterschieden wird. Da “rechts” im allgemeinen Sprachgebraucht “Nazi” bedeutet, befürworten viele aus unserem Lager, das Links-Rechts-Schema zu verwerfen. Ich finde es aber zur Selbstverortung und als Abgrenzung zum Gegner brauchbar. Wir sollten offensiv damit umgehen.
Was unterscheidet deiner Auffassung zufolge einen Rechten von einem Konservativen?
Der Lebensstil, den manche Leute aus unserem politischen Lager haben, läßt sich schwerlich als konservativ bezeichnen. Ich maße mir keine allgemeine Definition an. Das lateinische conservare deutet darauf hin, dass letztere die Überlieferung bewahren wollen. Für sie spielt die christliche Religion beispielsweise eine wichtige Rolle, und das nicht bloß als Abwehrbollwerk gegen den Islam. Sie messen altem Kulturgut – Märchen, Lieder, Gedichte, Dramen – viel gemeinnützigen Wert bei, fühlen sich als Träger der Tradition verpflichtet, gerade im Blick auf die Nachkommenden. Der Rechte hält das vielleicht für peripher oder nostalgisch, teilt mit dem Konservativen aber die Skepsis gegenüber dem “Mängelwesen” Mensch und der Masse. Er sieht Nation, kulturelle Identität und Institutionen wie Familie oder Kirche wohl vordergründig utilitaristisch.
Das klingt für mich reichlich theoretisch. Kommen wir mal zu einem konkreten Thema: Einerseits warnst du vor hysterischer Islamfeindlichkeit und dem, was Rechtsextreme als “Ausländerrückführung” bezeichnen, forderst andererseits aber, daß man dem “Multikulti-Schein” ein “deutsches Korrektiv” entgegensetzen müsse. Was genau heißt das und wie passen diese beiden Forderungen zusammen?
Die Integrationsdebatte wird äußerst emotional, gar hysterisch geführt. Ich spreche nicht nur von den üblichen Verdächtigen, die ständig empört sind und im moralischen Eifer Gebrauch von der berühmten Faschismuskeule machen. Ich spreche auch von denen, die FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners als “Panikmacher” tituliert hat [das sind die sog. Islamkritiker, Anm. d. Red.]. Es besteht kein Zweifel, daß wir erhebliche Integrationsprobleme mit Migranten haben, wobei sich Menschen muslimischen Glaubens besonders hervortun. Wir kratzen aber an der Oberfläche, wenn wir daraus nun ein “Islamproblem” machen und einer ganzen Weltreligion den Krieg erklären. Stattdessen sollten wir grundsätzlich fragen, warum es nicht attraktiv ist, sich als Deutscher zu fühlen.
Das heißt, das eigentliche Problem ist nicht die Einwanderung, sind nicht die Migranten, sondern ist das Fehlen einer Leitkultur, die wirkliche Identifikationsangebote stellt und es wert ist, daß man sich in sie einfügt.
In der Tat. Zum Thema Einwanderung: Ich halte es für ungalant, Entwicklungsländern ihre besten Leute abzunehmen, Stichwort “Fachkräftemangel”. Wenn wir hier keinen eigenen Nachwuchs bekommen, dann sollten wir uns gefälligst fragen, warum es so wenig intakte Familien gibt, statt über Frauenquoten und Gender-Kram zu schwadronieren.
Das sind Lieblingsthemen der Linken. Auch zu denen hast du dich schon geäußert: In einem deiner jüngeren Artikel schreibst du über Prof. Christoph Butterwegge, der sich selbst als “Gutmensch” und “Weltverbesserer” bezeichnet. Für dich ist er ein politischer Gegner, aber du hast dich anerkennend dazu geäußert, daß Butterwegge sich zur eigenen Parteilichkeit offen bekennt und abweichende Meinungen respektiert. Wie repräsentativ ist Butterwegge in seiner Radikalität und gleichzeitig seiner Diskussionsbereitschaft für jene linken Gruppierungen, die du an deutschen Unis schon erlebt hast?
Im Artikel schildere ich meinen persönlichen Eindruck von Butterwegge. Von anderen habe ich gehört, daß er mit Unterlassungsklagen nicht unbedingt geizt. Ohne jemanden angreifen zu wollen: Einen wirklich toleranten Linken, einen, der auch seinem politischen Gegner Respekt und Daseinsberechtigung einräumt, habe ich noch nie getroffen. Schaut man sich an, wie selbstgerecht sich linke Uni-Gruppen und Jugendorganisationen präsentieren, dann macht mir das auch für die Zukunft wenig Hoffnung. Andererseits können die ASten an deutschen Unis noch so links sein: Die allermeisten Studenten juckt eh nicht, was die da machen.
Was tolerante und gesprächsbereite Linke angeht, so würde ich nur Mathias Brodkorb anführen wollen, der in der Auseinandersetzung mit Konservativen, Rechten und Rechtsextremen ungewöhnlich fair und differenziert vorgeht. Sind dir solche Linke aus deinem persönlichen Umfeld nicht bekannt?
Wenn Matze Brodkorb konsequent fair wäre, dann würde er auch die jüngste Entwicklung der BN kommentieren, beispielsweise den Rilke-Jugendkulturpreis, den unser Förderverein letztes Jahr initiiert hat, und das Buch, das wir darauf basierend im März auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt haben. Matze berichtet immer darüber, was ihm in den Kram paßt. Klar, besser als der hundertste Moralapostel ist er allemal.
Reden wir mal über die Rechten. Felix Menzel hat, ähnlich wie Thorsten Hinz, die gegenwärtige BRD als eine “Skandalokratie” beschrieben, in der im Rahmen einer “Konsenssoße”, von einer monolithischen “politisch-medialen Klasse” angerührt, politische Debatten unbeweglich blieben, wenn nicht ein saftiger Skandal für Bewegung sorge. Diese Analyse halte ich für, gelinde gesagt, vereinseitigend und unangemessen. Teilst du Menzels Auffassung? Wenn ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Ich muß etwas weiter ausholen, um das Dilemma zu veranschaulichen. Bevor ich zum Studium nach Köln gezogen bin, habe ich mich sehr mit der Frankfurter Kommunalpolitik beschäftigt. Einmal sollte ein neues Integrationskonzept durchgesetzt werden. Wir lehnten das Konzept ab, denn es hatte mit Integration, wie wir sie auffassen, rein gar nichts zu tun. In der städtischen Politik waren wir damit aber die Außenseiter, denn von Linkspartei bis CDU befürwortete man nicht nur geschlossen das Konzept, sondern verurteilte Kritiker gemeinsam als “rechtspopulistisch” und fremdenfeindlich. Lobbyvereine, Antifa und lokale Journalisten, insbesondere die Frankfurter Rundschau, halfen bereitwillig mit. Es wurden offiziell Podiumsdiskussionen durchgeführt, die aber zu Werbeveranstaltungen wurden, da alle auf der Bühne aus dem gleichen Lager kamen. Keine kritische Stimme, nicht mal zum Alibi! Am Ende waren 15 Minuten Diskussionszeit anberaumt, sprich: Wir durften ein paar Sekunden in ein Mikrofon sprechen. Die Politiker haben sich das angehört und dann wurde das Mikrofon weitergereicht. Es hat rein gar nichts gebracht.
Also siehst du, in diesem konkreten Fall, eine politisch-mediale “Konsenssoße” von Antifa bis CDU. Was kann man deiner Ansicht nach tun?
Der Gegner ist schlicht zu mächtig. Aus unserer authentisch konservativen Position kannst du nicht auf Fairness hoffen. Du hoffst vergeblich, etwas vom Diskurs-Kuchen abzubekommen, wenn du nur artig bist. Konsequent wäre, dir eine inhaltliche und charakterliche Unerbittlichkeit zu erhalten und mit gezielten, durchdachten Regelverstößen die Harmonie zu stören. In Diskussionen, bei Aktionen.
Was sind das für Aktionen? [Händereiben, Speichelfluß] Farbbeutelanschläge auf städtisch finanzierte Autonome Zentren? Sitzblockaden und ‘kreativer Widerstand’ gegen das wöchentliche Treffen der Grünen Hochschulgruppe? Lichterketten gegen Links? ‘Dance for Intolerance’-Partys?
Am aufsehenerregendsten war die konservativ-subversive aktion (ksa), die der Verleger Götz Kubitschek maßgeblich initiiert hat. Beispielsweise wurden mit Bannern und Flugblättern eine Lesung von Günter Grass und ein 68er-Kongress gestört, oder mit einer Blockade die politisch-korrekte Übermalung eines Wandbilds verzögert. Diese Aktionen bringen Bilder in die mediale Öffentlichkeit, die sich für uns junge Leute äußerst euphorisierend auswirken. Für wenige Minuten wird das große Ungleichgewicht, von dem ich oben gesprochen habe, umgedreht! Bei einer ksa in Frankfurt war ich dabei, wir haben gegen Daniel Cohn-Bendit protestiert. Es war unbeschreiblich, das verdutzte Gesicht dieses satten Mannes zu sehen, der zeit seines Lebens offene Türen eingerannt ist und gar nicht weiß, was es heißt, eine Niederlage einzustecken. Kubitschek initiiert keine Aktionen mehr, Nachahmer hat es leider nicht viele gegeben, zurzeit ist es still. Es ist schwer, mutige junge Leute zu finden.
Wenn man deine Artikel liest, bekommt man den Eindruck, daß du – auch im Vergleich zu anderen JF- und BN-Autoren – eher auf Argumente denn auf Polemik setzt. Ist die ksa nicht eine Form der Auseinandersetzung, die dem zuwiderläuft und Konservative als ernstzunehmende Gesprächspartner disqualifiziert?
Aha, der feine Konservative sitzt mit seinem Scheitel im Stübchen und liest seinen Ernst Jünger, statt mal raus auf Konfrontation zu gehen? Die theoretische Arbeit fällt ja nicht flach! Linke haben es doch leicht, bekommen ständig Lob für ihre “Zivilcourage” und müssen nichts riskieren. Bei uns dagegen weht der Gegenwind schon in der Schule, wenn wir mit unserer Meinung nicht hinterm Berg halten. Das geht über Ausbildung, Uni und soziales Umfeld. Wenn wir Pech haben, wird uns im Job gekündigt oder wir kriegen nach dem Studium keinen Arbeitsplatz. Da wir als “offizielle” Gesprächspartner ohnehin nicht herangezogen werden, was sicherlich nicht an einer argumentatorischen Schwäche liegt, sondern eher, weil man uns in der Meinungsführerschaft für “indiskutabel” hält, muss man die Aufmerksamkeit manchmal erzwingen. Ohne Gewalt. Und nur, so lange das öffentliche Meinungsklima so verkrampft und hysterisch ist.
Also ein Sturmlauf gegen den Zeitgeist. Ist vielleicht besser, als sich zu verstecken. Bei manchen Sturmläufern bekommt man allerdings das Gefühl, daß sie sich selbst viel zu ernst nehmen. Denkst du, es besteht bei den Rechten eine Neigung, sich in wirren Theoriedebatten zu verzetteln, jegliche Bodenhaftung zu verlieren und zu waldgängerischen Politsektierern zu werden?
Viele Konservative und Rechte sind sonderbare Typen und bekommen außerhalb eines bestimmten Milieus kein Wohlwollen. Da zieht man sich zurück, schottet sich ab, im theoretischen Elfenbeinturm oder eben dahin, wo man akzeptiert ist. Wir müssen selbstkritisch sein. Vor allem Studentenverbindungen sind oftmals selbst schuld daran, wenn sie für Außenstehende seltsam rüberkommen. Auch spreche ich mit einem interessierten Neuling anders, als mit einem langjährigen politischen Weggefährten, wiederum anders als mit meiner Mutter.
Von dir wird man nicht sagen können, daß du Angst vor der Konfrontation hast. Mit Klarnamen sich so offen auszusprechen, ist an der Kölner Uni, diesem Hort von MeinungsvielfaltTM und ToleranzTM, nicht ohne Risiko. Wir von der Pickelhaube sind da eher feige Kellerkinder. Aber was die Selbstkritik der Konservativen, der Rechten angeht: Wo findet die statt? Als Martin Böcker seine hervorragenden Aufsätze zu ‘Larmoyanz und Verwesung‘ veröffentlichte, mußte er viel Prügel einstecken.
Einen wirklichen Binnenpluralismus gibt es eben nicht. Es gibt die Christlich-Orientierten, die Konservativen, Nationalliberale, Libertäre, liberale Islamkritiker, dann die, die sich überhaupt nicht in einer Kategorie sehen wollen. Es gibt Leute, die sich in Kleinparteien engagieren, es gibt Träumer, die in der CDU bleiben. Andere räumen dem vorpolitischen Raum Priorität ein, in einer beispielhaften Lebensführung oder im kulturellen Engagement. Manche kehren dem Gefecht ganz den Rücken, gehen in die “innere Emigration”, wenn man so will. Das, was sich in den Kommentarspalten der verschiedenen Blogs abspielt, sind meist keine wirklichen Diskussionen, sondern gegenseitiges Verfluchen und Distanzieren. Viele machen es sich in ihrer Nische bequem. Bevor wir uns an die Abendlandrettungsentwürfe machen, braucht es einen inhaltlich-substanziellen Konsens, wofür wir stehen und was wir leben – keine Floskeln. Mit dieser Sichtweise tritt man so manchem Tastatur-Helden gewaltig auf den Schlips, wie ich bereits erfahren durfte.
Was würdest du Tastatur-Helden wie uns sowie anderen Konservativen an der Kölner Uni empfehlen?
Allgemein lautet das Credo: Angst ist kein guter Ratgeber! Steht zu eurer Meinung in Diskussionen und seid offen für die Welt. Konservativ-Sein bedeutet nicht, alte Zustände zu konservieren, sondern Erhaltenswertes, Ewiggültiges in dieser schnelllebigen Zeit zu erkennen und zu befürworten. Ich bin überzeugt, daß das bei jungen Leuten attraktiver ist, als der olle Marx oder irgendwelche grauen Apo-Opas in Kuba oder Kreuzberg.
Vielen Dank für das Gespräch.
Carlo Clemens, 21 Jahre alt, studiert Geschichte und Germanistik in Köln, mag Fitnesstraining und Bayern München [!!!], schwört auf indischen Earl Grey und oberfränkische Schnitzel.
Hinweis: Das obige Interview ist die nahezu ungekürzte, leicht umgearbeitete Fassung eines Austausches per E-mail. Strenggenommen ist unser Gespräch also nicht beim Bier entstanden. Ein solches haben wir mit Carlo aber trotzdem getrunken. Für die Pickelhaube sprach Ewald Knülle. Bild: Carlo Clemens (privat).
Weiterer Hinweis: Wir reden auch mit Nicht-Konservativen. Wenn Kölner Uni-Linke/Grüne einmal das Bedürfnis haben, uns verbal (!) so richtig in den Hintern zu treten, würden wir jeden auch noch so harten sprachlichen Fußtritt veröffentlichen, der im Rahmen eines kritischen Gesprächs gegen unser Gesäß abgefeuert wird. Bei Interesse bitte im Kommentarbereich melden.

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