Der Ladendieb als Wirklichkeit der sittlichen Idee

Gemeinhin gilt der Ladendieb als Verkörperung der Niedertracht, als ein wesensmäßig unzulänglicher Zeitgenosse, den es abzustrafen gilt. Doch der jüngste Gedankengang eines unserer größten lebenden Philosophen widerlegt diese Auffassung: Der Ladendieb ist keinesfalls ein liederlicher Schandbub, sondern ein gemeinnütziger Wohltäter; erst durch ihn kann die Gemeinschaft sich in höchster Form entfalten. Von unserem Aushilfsphilosophen Ewald Knülle

Der Prophet des Antihegelianismus verkündet sein Ladendieb-Theorem

Der 1. Vorsitzende des Kölner AStA, Jonas Thiele, ist den Philosophiefreunden unter uns bereits mehrfach durch geistreiche Bonmots und schneidige Aphorismen aufgefallen. Nun aber hat er sein Glanzstück abgeliefert: Gestützt auf mehrere hundert Jahre abendländischer Geistesgeschichte erbrachte er den logisch zwingenden Beweis, dass Ladendieb und Gemeinschaft nicht nur keine Antagonisten, sondern vielmehr zum Erlangen ihrer jeweils höchsten Blüte aufeinander angewiesen sind – ihr Verhältnis ist kein kontrastives, sondern ein komplementäres.

Thieles Gedankengang fußt auf seiner revolutionären Gesellschaftsphilosophie, die ihrerseits auf Leibnizscher Hochschätzung der Individualität anstatt von Hegelschem Kollektivgedanken beruht: Gewissermaßen in Umkehrung hegelianischen Geistes ist bei Thiele nicht der Staat, sondern der arbeitschaffende und für soziale Gerechtigkeit sorgende Ladendieb als Aufweis des Idealischen zu betrachten – der Ladendieb als Verwirklichung der sittlichen Idee. Nach Karl Marx ist Thiele also bereits der zweite Philosoph, der Hegel vom Kopf auf die Füße stellt.

Geballte Geistesmacht

Entscheidend dabei ist Thieles Rückgriff auf Wilhelm von Humboldt und dessen Konzept der Selbstverwirklichung des Menschen. Zur Erinnerung: Bei Humboldt stehen Individuum und Gemeinschaft in einem gleichsam symbiotischen Verhältnis zueinander, das heißt: Der einzelne verwirklicht sich immer nur als Teil des Ganzen. Dieses Ganze aber kann erst durch die Selbstverwirklichung des einzelnen bestehen, und in seinem Bestehen wiederum ermöglicht es dem einzelnen erst, sich selbst zu verwirklichen. Der einzelne kann ohne das Ganze keine Erfüllung finden und das Ganze nicht ohne den einzelnen.

Es ist nun genau dieser Gedanke, den Thiele aufgreift, wenn er den einzelnen Ladendieb als wohltätiges Agens begreift, als ein Individuum, das sich im Akt des Stehlens selbst verwirklicht, genau dadurch aber auch dem Ganzen dient, dem es via Selbstverwirklichung Arbeitsplätze und (durch Umverteilung) Massenkaufkraft garantiert. Dieses Ganze wiederum stellt über ladendiebinduzierte Massenkaufkraft Anreize zur Gründung eines Supermarktes bereit, den wiederum der Ladendieb zur Selbstverwirklichung benötigt – der Kreis schließt sich. Ladendieb und Gesellschaft können erst durch die Existenz des jeweils anderen zur vollen Blüte gelangen. In brillanter Anverwandlung eines ca. 200 Jahre alten philosophischen Gedankenganges hat Thiele die allgemeinwohldienliche Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft auf den Punkt gebracht.

Die Verkündigung des Ladendieb-Theorems hat mir erneut vor Augen geführt, wie jämmerlich meine eigenen Geisteskräfte im Vergleich zu denen unseres Hochschulphilosophen wirken müssen. Leibniz, Hegel und Marx mit Humboldt zu einem Lob des Ladendiebs zu verschmelzen, überstiege meine Möglichkeiten bei weitem.

Da kann Ewald Knülle nur dumm aus der Wäsche gucken

Zeit meines Lebens werde ich wohl in nichtswürdigem Epigonentum verharren müssen. Das aber ist keine Schande, wenn ein campusgrüner Philosophenkönig wie Jonas Thiele zum intellektuellen Alexanderzug aufbricht.

Chapeau!

Ewald Knülle, 15. 12. 2011

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2 Antworten zu Der Ladendieb als Wirklichkeit der sittlichen Idee

  1. Sophist X schreibt:

    Das erinnert mich an eine Anekdote über den Vater der modernen Soziologie Niklas Luhmann, der auf einer Fachtagung die Sinnlosigkeit moralischer Appelle an Übeltäter schlüssigst nachwies und, als ihm während dieser Tagung der Mantel gestohlen wurde, am selben Rednerpult eben solche Appelle an die mutmaßlich noch im Publikum befindlichen Übeltäter richtete.
    Ich schätze, dass Theorie und Praxis bei Jonas Thiele in ähnlicher Weise divergieren würden wenn er der Bestohlene wäre.

  2. immhoff schreibt:

    Das ist in der Tat anzunehmen. Bemerkenswert an Thieles Konzept ist vielleicht noch, dass die Gleichung “Ladendiebstahl=Umverteilung” nur dann aufgeht, wenn man davon ausgeht, dass der Ladendieb zwingend einer materiell minderbegüterten Sozialformation entstammt. Kurzum: Thiele meint offenbar, nur arme Leute würden Ladendiebstahl begehen. Er perpetuiert damit klassizistische, wohlstandschauvinistische Vorurteile, wie sie eines ambitionierten Sozialrevolutionärs nun wirklich unwürdig sind (dies hat Markward neulich in einer Redaktionssitzung festgestellt).

    Gruß
    Ewald Knülle

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