Kontrolle? Niemals! Es sei denn, sie kommt von links.

In der Kölner Philtrat 97/2010 fordert man weniger Kontrolle an den Unis, und mehr Kontrolle an den Unis. Was denn nun? Von Ewald Knülle

Nach einem langen Uni-Tag voller Stumpfsinn und Müßiggang ist kaum etwas so ersprießlich wie die Lektüre der neuen Philtrat. Mit messerscharfer Logik wird hier gegen alle Mißstände der Kölner Uni, der BRD und der Welt vorgegangen. Jüngst gelang der Redaktion mit Ausgabe 97/2010 erneut ein Meisterstück.

So berichtet die Autor_In Hanna-Lisa Hauge (1) von einer Unterschriftenaktion gegen die mittlerweile in den Lehrveranstaltungen obligatorischen Anwesenheitslisten. Solche Listen empfinden manche Studenten – unabhängig von ihren politischen Auffassungen – als bedrückende Kontrolle, daher die Unterschriftensammlung, über die Hauge schreibt. Der scheinobjektive Duktus des Artikels wird dabei etwas unterlaufen, nämlich durch den Titel („Uni is watching you“) sowie das Bild eines Kameraturms mit der Unterschrift „Studieren geht auch ohne Big Brother: zu viel Kontrolle an den Unis.“

Man kann es also kaum bezweifeln: Hauge ist erklärte Gegner_In jeglicher Kontrolle an der Universität. Wenn schon etwas so Banales wie die Anwesenheitsprüfung bei einer Vorlesung – für die man ja ohnehin namentlich registriert ist – mit orwellscher Totalüberwachung in Verbindung gebracht wird, dann muß Hauge, wie es guten, edelmütigen Menschen geziemt, eine unermüdliche Kämpfer_In für die Selbstbestimmung des Einzelnen sein, gegen Kontrollzwang, Unterdrückung und Meinungsdidaktur. Da wird mir doch beim Lesen richtig warm ums Herz.

Noch zweimal umgeblättert, und schon erblicke ich einen Artikel von Carolin Wedekind, „Rassismus an Unis aufdecken“ (2). Potzblitz, denk‘ ich bei mir, was ist denn das? Rassismus an der Uni? Hält die Wiking-Jugend im Keller des Philosophikums konspirative Sitzungen ab? Oder hat der Imperial Wizard des Ku Klux Klan einen Lehrstuhl in der Afrikanistik ergattert?

Keineswegs. Es ist noch weitaus schlimmer: Ein, wie die Philtrat kursiv hervorhebt, weißer Professor für Semitistik/Arabistik der FU Berlin hat es gewagt, von den Gebieten südlich der Sahara als „Schwarzafrika“ zu sprechen. Auch nach Hinweis der Vorlesungsteilnehmer auf die herrschende Sprachregelung fiel das Wort erneut. Grund genug für die Gruppe „Uniwatch“, wie es in Wedekinds Artikel heißt, „auf die Problematiken Kolonialismus und Rassismus aufmerksam [zu] machen, die auch an Hochschulen oft ignoriert werden“. Dies geschieht durch „Uniwatch“ einerseits in Form von schwarzen Brettern an Berliner Universitäten. Andererseits tat man sich mit der Gleichstellungsbeauftragten zusammen mit dem Ziel, ein verbindliches Regelwerk für Standards im Umgang mit Rassismus zu erstellen. So soll ein neudeutsch Diversity Policy genanntes Konzept durchgesetzt werden. Laut „Uniwatch“-Aktivist_In „Cano“, zitiert Wedekind, müßten „Lehrende, die sich nicht an diese Standards halten wollen, […] gegebenenfalls auch von der Uni entfernt werden können“.

Doch halt – wie stellt man fest, ob sich Lehrende an diese Standards halten? Etwa durch … Kontrolle? Aber das kann doch nicht sein. Was ist denn mit der Selbstbestimmung des Einzelnen, für die man bei der Philtrat so mutig kämpft? Mit der Aversion gegen den Kontrollzwang? Spätestens an dieser Stelle müßte Hanna-Lisa Hauge entrüstet aufspringen und Carolin Wedekind ihre Mao-Bibel um die Ohren hauen.

In ein und derselben Philtrat-Ausgabe findet sich also einerseits ein Artikel, der doch recht klar und deutlich Position gegen jegliche Kontrolle an den Unis bezieht, sowie andererseits ein Artikel, der äußerst rigide Kontrolle verlangt. Ein Dozent, der vielleicht mit dem Begriff „Schwarzafrika“ aufgewachsen ist und ihn die letzten 30 Jahre verwendete, wird nun, da er sich nicht umgehend ideologisch motivierten Sprachvorschriften anpassen konnte oder wollte, als Rassist eingestuft. Ob es wahrscheinlich ist, daß jemand rassistische Tendenzen hat, dem Semitistik und Arabistik Leidenschaft und Beruf geworden sind, sei mal dahingestellt. Wie aber kann es sein, daß die Philtrat solche offensichtlich widersprüchlichen Aussagen veröffentlicht? Ist es das, was man Binnenpluralität nennt?

Ich kann da nur spekulieren. Vielleicht sind Hanna-Lisa Hauge und Carolin Wedekind sich tatsächlich uneins, was Kontrolle angeht. Des Tags keift man sich an, im Dunkel der Nacht werden Fahrradreifen zerstochen und Hauskatzen vergiftet, und die Redaktion der Philtrat ist zutiefst bekümmert ob der Feindschaft unter ihren Mitarbeiter_Innen, wer weiß.

Doch habe ich eine andere Vermutung. Ich schätze, bei der Philtrat mißt man schlicht mit zweierlei Maß. Das ist schließlich eine bewährte Tradition der radikalen Linken seit spätestens ’68: So, wie laut Marcuse Terror dann gut ist, wenn er von links kommt (3), so gilt der Philtrat Kontrolle dann als gut, wenn sie von links ausgeübt wird. Wenn es Rassen nicht gibt bzw. sie eine soziale Konstruktion sind, wieso gelten dann offenbar für einen „weißen“ Professor besondere Sprachregelungen, mit Sanktionsmechanismen bis hin zur Vernichtung der beruflichen Existenz? Wieso ist Rassismus grundsätzlich böse, es sei denn, „Nicht-Weiße“ schließen sich zum Kampf gegen „weiße Dominanzstrukturen“ (also gegen was – oder wen – genau?) zusammen (4)?

Aber solche Überlegungen sollte ich vielleicht stiernackigen Burschenschaftlern überlassen, die im Halbdunkel des Verbindungshauses den Bierseidel schwingen, dumpfe Sprüche klopfen und von Kaiser, Kolonialreich und Weltkrieg träumen. Nein, ich will ein guter Mensch sein, tolerant, weltoffen, alternativ und unangepaßt. Der beste Weg dahin ist die Lektüre der Philtrat.

Ewald Knülle, 24. 07. 2010

Nachweise:

(1) Hauge, Hanna-Lisa, Uni is watching you, in: Philtrat 97 (2010), S. 2.

(2) Wedekind, Carolin, Rassismus an Unis aufdecken, in: Philtrat 97 (2010), S. 7.

(3) Brodkorb, Mathias, Mit „Terror“ und „Erziehungsdiktatur“ zum „Neuen Menschen“? Über Totalitarismus in der 68er-Bewegung, URL:

http://www.endstation-rechts.de/index.php?option=com_k2&view=item&id=4985:mit-%E2%80%9Eterror%E2%80%9C-und-%E2%80%9Eerziehungsdiktatur%E2%80%9C-zum-%E2%80%9Eneuen-menschen%E2%80%9C?-%C3%BCber-totalitarismus-in-der-68er-bewegung

abgerufen am 24. 07. 2010.

(4) Böttges, Johanna, Kara Günlük: People of Color, vereinigt euch!, in: Philtrat 97 (2010), S. 10.

Bild: Wikipedia, URL:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Ueberwachungskamera_01_KMJ.jpg&filetimestamp=20040706155905

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Kontrolle? Niemals! Es sei denn, sie kommt von links.

  1. Kim Laurenz schreibt:

    Äh, wie nennt man denn jetzt Schwarzafrika? Farbigafrika? Endpigmentiertafrika?

    Fragen über Fragen …

  2. immhoff schreibt:

    Es geht doch überhaupt nicht um Afrika. Ohne lange Recherche riskiere ich die Aussage, dass der Bevölkerung südlich der Sahelzone die Terminologie von Berliner Professoren völlig gleichgültig ist. In europäischen Ländern aber erfüllt der Kampf um eine korrekte Benennung von Dunkelpigmentierten (oder Intersexuellen, Behinderten, in ihrer Menschenwürde gekränkten Ostrentnern etc. ) gleich mehrer Zwecke: 1. Sie dient der Selbstdarstellung und moralischen Selbsterhöhung der jeweiligen Protagonisten, ohne dass irgendwelche Sachkenntnis erforderlich wäre; 2. sie soll als politische Gegner aufgefasste Personen unter Rechtfertigungsdruck setzen bzw. diese so sehr als „Rechte“ skandalisieren, dass sie aus ihrer beruflichen Position weichen müssen, 3. sie soll die jeweiligen Bevölkerungsteile in ihrer Selbstwahrnehmung als Opfer einer „weißen Dominanzgesellschaft“, der „Heteronormativität“, des Kapitalismus etc. bestärken. Diese „Opferstände“ dienen dann wieder als Stimmenreservoir und Demonstrationsfußvolk für Grüne, SPD und Linkspartei.

    Gruß
    Marward von Annweiler

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s