Im Einsatz für den Frieden

Vor einigen Jahren wurden in Köln für eine heroische Aktion gegen den Vernichtungskrieg zwei Pazifist_Innen mit doch recht saftigen Geldstrafen belegt. Die Philtrat konnte sich angesichts dieser himmelsschreienden Ungerechtigkeit eines wertenden Berichtes nicht enthalten, was ja dank Meinungsfreiheit recht und billig ist. Allerdings muß man damit rechnen, bei der Pickelhaube für die Äußerung seiner Meinung mit schärfster Polemik auf unterstem Niveau belegt zu werden. Auch noch Jahre später. Die Pickelhaube vergißt nie! Von Ewald Knülle

Was war geschehen? Vorausgesetzt, die Philtrat hat sauber recherchiert – davon wird man ausgehen können – sind dies die Fakten: zwei mutige Kölner_Innen hatten den Dom erklommen und während einer Gelöbnisfeier der Bundeswehr (auf dem nahegelegenen Roncalliplatz) ein Plakat entrollt. Darauf zu lesen war ein kreativer Alternativvorschlag für die Gelöbnisformel: „Wir geloben zu rauben, zu morden, zu vergewaltigen“. Bei der Bundeswehr jedoch – reaktionär, wie man dort eben ist – scheint man sich für die gewohnte Formel entschieden zu haben. Die wenig innovationsfreudigen Wehrpflichtigen leierten folglich nur ihr langweiliges altes Sätzchen herunter, in dem Raub, Mord und Vergewaltigung nicht vorkommen. Daraufhin versuchten die beiden Friedensritter, mit Stimmbändern und Trillerpfeifen für die Übernahme ihres Vorschlags zu werben, was aber anscheinend in die Hose ging.

Ergebnis war jedenfalls eine Anklage wegen Volksverhetzung und Hausfriedensbruch (wegen der Dombesteigung). Zudem haben wir von einer nachträglichen Änderung der Gelöbnisformel seitens der Bundeswehr nichts erfahren können. Durchaus denkbar wäre ja ein Kompromiß à la „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, und dabei zu rauben, zu morden und zu vergewaltigen“. Doch unseren Informationen zufolge ist die Formel immer noch die alte. Die ganze Aktion war wohl demnach ein klassischer Griff ins Klo.

In ihrem Artikel „Wenn die Bundeswehr schmollt“ (Philtrat 75 von 2006/2007) gibt uns Julia Groth nun einen Einblick in die Philtrat-übliche Verarbeitung der Geschehnisse. Wie gewohnt, ist der Artikel solide geschrieben; in sachlichem Duktus werden Fakten referiert und Ansichten Betroffener als solche, eben als Ansichten, dargestellt. Die Autor_In hält sich im Text mit Eigendeutungen zurück, ihre Meinung aber, und das ist ebenfalls gewohnte Philtrat-Praxis, wird dem Leser doch recht unzweideutig mitgeteilt, wenn auch quasi hintenrum.

Dies geschieht zunächst über den Titel des Artikels, der die Bundeswehr als beleidigte Leberwurst hinstellt. Weiterhin kommen im Text ausschließlich die, wie es heißt, „FriedensaktivistInnen“ zu Wort, ihre Darstellungen werden unkommentiert wiedergegeben. Sicherlich, wird nun der geneigte Leser einwenden, da kann sich doch jeder eine eigene Meinung bilden. Stimmt auch. Sonst würde ich jetzt nicht Gift und Galle spucken, sondern mit Spruchband und Trillerpfeife zum nächsten kathedralennahen Gelöbnis sprinten.

Doch scheint die Philtrat dem Leser eine Deutung eben aufzudrängen, durch Titel, Auswahl der Gesprächspartner, Perspektive, Wortwahl. Für mich erneut ein schönes Beispiel für Voreingenommenheit und Monoperspektivität der Philtrat sowie ihr stetes Knuddeln mit dem linken Rand.

Was nicht heißen muß, daß der Artikel keinen Unterhaltungswert böte. So ist einer der beiden kreativen Eidesformelschreiber gar entrüstet, daß er letztlich wegen Beleidigung verurteilt wurde: Er und sein Mit-Autor „hätten lediglich auf die Verbrechen des Militärs aufmerksam machen wollen und darauf, in welche moralischen Zwickmühlen der Dienst an der Waffe SoldatInnen bringen könne“, referiert Julia Groth. Schon unfaßbar, was die Bundeswehr so alles als Beleidigung versteht! Ging es doch keineswegs darum, Soldaten als Räuber, Mörder und Vergewaltiger zu titulieren, sondern eine philosophische Erörterung von Moral und Pflicht, von Schuld und Sühne anzuregen.

Die Einladung zum philosophischen Diskurs aber ist der Bundeswehr wie auch der Richterin entgangen. Herrlich daraufhin der O-Ton eines der Justizopfer. Herzerweichend klagt uns FriedensaktivistIn Guido sein Leid: „Ich bin enttäuscht, dass die Richterin den Sinn der Aktion nicht verstanden hat.“ Da würde ich doch sagen: Die Richterin hat den Sinn der Aktion sehr genau verstanden. Ein Hoch also auf die deutsche Justiz!

Ewald Knülle, 26. 07. 2010

Bild: Wikimedia Commons

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s