Revolutionärer Widerstand – Ja oder Ja?

Einer der Tricks, mit denen die Kölner Philtrat Meinungsvielfalt und Binnenpluralismus vortäuscht, ist die Rubrik „Dafür und dagegen“. Mittlerweile in 16. Auflage, stellen hier zwei Autor_Innen zu einer kontroversen Aussage ihre Meinungen gegenüber. Daß es dabei nicht immer wirklich kontrovers zugeht, illustriert die Philtrat 96/2010. Von Ewald Knülle

Zu diskutieren ist hier folgende Aussage: „Autonome Zentren gründen und dafür Häuser besetzen – Ja oder Nein?“ Interessant ist nicht primär, daß einmal dafür, einmal dagegen argumentiert wird, sondern mit welchen Argumenten letzteres geschieht.

Doch zunächst das „Dafür“. Nina Weinbrenner findet Hausbesetzungen ganz großartig, weil in den entstehenden Autonomen Zentren Menschen jedes Alters, jedes sozialen oder kulturellen Hintergrundes andere Gleichgesinnte treffen können; man nimmt an politischen und kulturellen Veranstaltungen teil oder gestaltet sie gar aktiv mit. Ist das nicht putzig? Und das beste, wie Weinbrenner weise anfügt: Es kostet ja meistens nichts. Nun, zumindest nicht für diejenigen, die sich tapfer der kapitalistischen Verwertungslogik verweigern, soviel steht fest.

Wie Weinbrenner weiter ganz richtig bemerkt, gibt es in den meisten Städten keine Räume für lau, obwohl Häuser leerstehen und Bedarf da wäre. Also, schlußfolgert sie mit eiserner Logik, „bleibt den AktivistInnen kaum etwas anderes übrig, als Häuser zu besetzen.“ Quasi leibhaftig erscheint dem Leser die Autor_In, ihren Zeigefinger hebend und mit altklugem Blick die ganze Weisheit eines 22-, 24jährigen Lebens auf die unwissende Masse ausstrahlend, wenn sie dann schreibt: „Deshalb kann man die Besetzungen nicht als unangemessen bezeichnen.“ Vor solch tiefschürfender Erkenntnis muß jedes Gegenargument verstummen.

So dachte ich. Doch Julia Groth, die mittlerweile zu meiner Lieblings-Philtrat-Autor_In avanciert ist, setzt zum Konter an: Sie ist dagegen, Häuser zu besetzen und Autonome Zentren zu gründen. Himmel hilf! Zutiefst erschrocken fürchte ich um die Karriere Groths in der studentisch-revolutionären Publizistik. Doch ihre Argumente lassen keinen Zweifel daran, daß auch sie auf granitenem Fundamente steht.

Denn, so Groth, „Autonome Zentren sind, und das ist das eigentliche Problem, Horte der Spießigkeit.“ Jetzt bin ich kein Jurist und habe vom Strafgesetzbuch wenig Ahnung. Aber der Straftatbestand „Spießigkeit“ scheint demnach verwerflicher zu sein als der gute alte Hausfriedensbruch, die Sachbeschädigung und ggf. die Körperverletzung. Doch Groth argumentiert nicht formaljuristisch. Nein, das eigentliche Problem für sie ist nämlich, daß in solch Autonomen Zentren gar nicht richtig revolutioniert wird:

Echte RevolutionärInnen könnten mit einem solchen Zentrum überhaupt nichts anfangen. Würden sie sich dort treffen, wüsste die Staatsmacht ja, wo sie zu finden sind. Fazit: RevolutionärInnen in den Untergrund, linke SpießerInnen auf den Biobauernhof.

Nun, ich würde das nicht direkt bejahen, sondern Untergrund mit Untersuchungshaft ersetzen wollen. Mit Julia Groth werde ich wohl doch nicht grün. Dagegen ist Nina Weinbrenner mit den ersten zwei Sätzen ihres Traktats uneingeschränkt zuzustimmen:

Viele Menschen haben altbackene Vorurteile gegen Autonome Zentren. Aus ihrer Sicht handelt es sich um Orte für Nichtsnutze, Arbeitslose, Obdachlose oder KrawallmacherInnen, die einfach nur Spaß daran haben, Gebäude zu besetzen, aber sonst nichts aus ihrem Leben machen.

Das hat fast schon prophetische Qualität. Als hätte Frau Weinbrenner mein Innerstes erschaut! Genau so sehe ich es. Ein Hoch also auf altbackene Vorurteile!

Ewald Knülle, 27. 07. 2010

Bild: Wikimedia Commons

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