Für Bildung – aber gegen Elite?

2009 und 2010 fanden die Aktionen des sogennannten Bildungsstreiks statt. Daß Studenten für ihre Interessen demonstrieren, ist zweifellos legitim. Aber die einseitige linke Politisierung der Proteste läuft der Idee und Praxis von Bildung zuwider. Von Markward von Annweiler

Militärgeschichte von unten, Teil I: Der Büchergrenadier

Jede gesellschaftliche Gruppe in der Bundesrepublik sieht auf ihren finanziellen Vorteil. Selbstverständlich behaupten alle, daß die Durchsetzung ihrer finanziellen Interessen auch dem Gemeinwohl – was immer man im Einzelnen auch darunter versteht – förderlich sei. Daher wäre es geradezu unverschämt, den Studenten ihren Protest gegen die Studiengebühren zum Vorwuf zu machen.

Studiengebühren können die Studienzeit verlängern, wenn man gezwungen wird, nebenher zu jobben.  Die Einkünfte aus Studiengebühren mögen zwar zur Verbesserung der Lehre (Tutorien, technische Ausstattung) dienen, aber es wird durch sie ohnehin nur ein geringer Prozentsatz des Hochschulbudgets aufgebracht. Der Hauptvorwurf aber lautet, daß Studiengebühren sozial selektiv wirkten, weil sie die weniger Wohlhabenden vom Hochschulstudium abschreckten.

Indes liegt die wahre soziale Selektivität am Beginn des Bildungsweges. Deshalb war es logisch für die Bildungsstreikenden, von vorneherein einen umfassendere Perspektive einzunehmen und ein Bündnis zu organisieren, das auch Auszubildende und Schüler umfasste. So forderten sie auf einem an der Uni Köln verteilten Flugblatt „Eine Schule für Alle, die auf die individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen eingeht und soziale Gleichheit garantiert“.

Die Zusammenführung leistungsmäßig heterogener Schülergruppen in „Einer Schule für Alle“, so heißt es oft, sei für den allgemeinen Bildungserfolg nützlich. Dahinter steht die idealistische Vorstellung, die stärkeren Schüler würden die schwächeren unterstützen. Doch hat ein derartiger Zusammenschluß unterschiedlicher Begabungen in eine Lerngruppe nachweislich keine positiven Folgen für das Leistungsniveau. Die „eine Schule für Alle“ alle soll aber laut Handzettel auch auf die „individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen“ eingehen. Eine Schulstrukturreform, durch die das dreigliederige Schulsystem aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium zugunsten einer Gemeinschaftsschule abgeschafft wird, verbessert aber nicht die Qualität der Bildung des Einzelnen. Individuelle Förderung verlangt im Gegenteil Differenzierung.

Wenn es also um die Bildung des Einzelnen ginge, wäre eine solche Schulstrukturreform Geldverschwendung. Im Kampf gegen soziale Ungleichheit wäre die Zusammenführung heterogener Schülergruppen in einer Gemeinschaftsschule  allerdings ein wirksames Mittel, nur müßte dann im Interesse dieses Ziels auch auf interne Differenzierung der Schüler nach Möglichkeit verzichtet werden, was wiederum mit der Ausrichtung an den „individuellen Bedürfnissen“ in Konflikt geraten dürfte.  Notwendigerweise würde eine solche „Gleichheit“ also mit Senkung des Niveaus erkauft werden, die schwächeren Schüler würden die Stärkeren ausbremsen.

Selbst wenn man einen Niveauverlust nach der Devise „lieber alle gleich schlecht als unterschiedlich gut“ in Kauf nähme, so kann doch in Wahrheit keine Schulform „soziale Gleichheit“ garantieren. Dies würde die Institution Schule, und auch eine „Einheitsschule für alle“ vollkommen überfordern. Der Einfluß des Elternhauses wird sich stets, solange es in der „heteronormativen Gesellschaft“ noch so etwas wie „Eltern“ geben wird, auf die Bildungskarriere auswirken.

Tatsächlich hat es niemals in irgendeiner historisch bekannten menschlichen Gesellschaft „soziale Gleichheit“ gegeben. Erst recht ist soziale Ungleichheit notwendige Voraussetzung und Folge der Marktwirtschaft, die kein Linker in der BRD, sobald er erst in die Regierung gelangt ist, wird völlig abschaffen wollen und können, was immer einige Sozialromantiker oder DDR-Nostalgiker auch verkünden mögen. Dennoch haben diverse, nach eigenem Bekunden verfassungstreue Parteien bzw. deren Jungendorganisationen von den Grünen bis zu den Piraten die utopischen Forderungen auf dem Flugblatt unterschrieben.

Moderne Gesellschaften sind jedoch differenzierte Gesellschaften. Daß der Ostblock dem Westen wirtschaftlich unterlegen war, lag neben vielen anderen Gründen auch an seiner sozioökonomsichen Rückständigkeit, die sich in den vollkommen überdimensionierten „Klassen“ der Arbeiter und Bauern zeigte. Anstelle von sozialer Gleichheit müßte deshalb im Bildungsstreik Chancengerechtigkeit gefordert werden. Chancengerechtigkeit heißt gleiches Recht auf Entfaltung unterschiedlicher Talente und begabungsgerechtes Fördern, was auf Auslese hinauslaufen würde. Auslese, die zur Herausbildung oder Ergänzung einer Elite führt, ist aber nach dem Weltbild der Verfasser der Pamphlete offenbar per se „undemokratisch“, während „eine Schule für alle“ demokratisch sei.

Nun wollen wir keineswegs eine Entideologisierung der Bildungspolitik fordern – würden Fragen nämlich sachlich und lösungsorientiert angegangen, wären Seiten wie die Pickelhaube schlichtweg überflüssig. Der Ideologievorwurf trifft hier auch gar nicht zu, wie folgende Forderung zeigt: „Einfluss der privaten Wirtschaft und der Bundeswehr an Schule und Hochschule beenden“. Das ist keine Ideologie mehr, sondern ein schlichtes gut-böse Schema. Daher werden die „private Wirtschaft“ und die Bundeswehr gleichsam in einem Atemzug genannt. Im üblichen vulgärmoralistisch-populistischen Diskurs ist nämlich „die Wirtschaft“ einfach zusammen mit allem, was irgendwie mit Militär zu tun hat („Soldaten sind Mörder“),  auf der dunklen Seite der Macht gelandet, wohl weil man „die Wirtschaft“ so schön unreflektiert mit raffgierigen Investmentbänkern und überbezahlten Managern assoziieren kann. Der Klassenfeind im Klassenzimmer, was für eine schreckliche Vorstellung!

Gerade in technischen und betriebswirtschaftlichen Studiengängen läßt sich aber eine gewisser „Einfluß der Wirtschaft“ gar nicht vermeiden, wenn Studenten nicht an den praktischen Erfordernissen  ihres angestrebten Berufes vorbei studieren wollen. Jedoch kann man den Betrieben nach Meinung der Verfasser des Flugblattes ja einfach per Ukas verordnen, Ausbildungs- und Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen:

  • Erhöhung der Anzahl der Studien- und betrieblichen Ausbildungsplätze, so daß jede/r Jugendliche ihre/seine Berufswahl frei treffen kann
  • Umlagefinanzierung für Ausbildungsplätze – „Wer nicht ausbildet, muss zahlen!“
  • Unbefristete Übernahme von Auszubildenden nach Beendigung der Lehre in ein Vollzeitarbeitsverhältnis im erlernten Beruf

Hier wird suggeriert, die meisten Unternehmer würden aus böser Absicht nicht ausbilden. Die Protestierer ignorieren, daß viele Ausbildungsplätze gar nicht besetzt werden, weil geeignete Bewerber fehlen. Will man jeden Arbeitgeber zwingen, jeden Auszubildenden zu übernehmen, auch wenn er sich als gar nicht geeignet für den Beruf erweist? Oder wenn die Auftragslage des Unternehmens Einstellungen gar nicht zuläßt?  Zudem sind ein Großteil aller Betriebe in Deutschland Klein- oder Kleinstbetriebe, die gar nicht dauernd ausbilden können.

Natürlich  braucht man zugkräftige Parolen für eine politische Aktion. Das gilt besonders dann, wenn man ein möglichst breites gesellschaftliches Bündnis organisieren will. So arbeiteten die Protestierer beim Bildungsstreik mit linksextremistischen Gruppierungen wie der „Roten Hilfe“ zusammen, um „Antirepressionsstrategien“ zu entwickeln. Widerstand gegen den Staat, der gleichwohl eine kostenfreie, über Steuern finanzierte Bildung garantieren soll, gehört bei einer sozialen Protestbewegung anscheinend einfach dazu.

Besonders großen revolutionären Elan legten im letzten Jahr einige als Autonome/Punks herausgeputzte Schüler an den Tag, als sie die Berliner Humboldt Universität stürmten, dabei mit Toilettenpapierrollen warfen und unter anderem eine Ausstellung über jüdische Unternehmer verwüsteten.

Einige linke Kommentatoren bei youtube distanzierten sich ausdrücklich vom Verhalten der randalierenden Schüler.  So könne man die Probleme nicht lösen. Gewiß protestierten hier ja weder ausgebeutete Proletarier, noch intellektuelle 68er, sondern gelangweilte Wohlstandskinder. Diejenigen aber, die behaupten, derartige gewalttätige Auswüchse hätten nichts mit dem eigentlichen Anliegen zu tun, verschweigen oder ignorieren einen wichtigen Punkt: Nämlich den allen linken Bewegungen innewohnenden Affekt gegen Kultur und Tradition, der sich häufig in einer fäkalisierten Sprech- und Handlungsweise äußert (s.o. das Werfen mit Toilettenpapier). Nicht umsonst haben also die aufgehetzten Schüler ausgerechnet die Humboldt-Uni gestürmt. Unterschwelliger und subtiler offenbart sich diese neobarbarisch-proletarische Tendenz in den mal latenten mal offensichtlichen Vorbehalten der Vertreter von SPD/Grünen gegen das Gymnasium. Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, sie würden es am liebsten abschaffen. Dabei schickt gerade das linksliberale, gebildete Milieu seine Kinder mit Vorliebe aufs Gymnasium.

Man mag einwenden,  daß hier wieder einmal grundlos wenn nicht der „Untergang des Abendlandes“, so doch eine Unterhöhlung der ehrwürdigen deutschen Bildungstradition befürchtet wird. Nein, Randale von Autonomen u.ä. im Rahmen von „Bildungsprotesten“ sind eigentlich Lappalien, und keine Gefahr für unsere Verfassung. Es ist zur Zeit auch nicht zu befürchten, daß die Kernmarke des deutschen Bildungswesens, das Gymnasium, in einem Akt bürokratischer Willkür abgeschafft wird. Ein Haus stürzt auch nicht ein, wenn man es mit Kot beschmiert.

Mit Kot? Aber sicher! Während der Aktionen des Bildungsstreiks hängten einige Protestler auf dem  Albertus-Magnus-Platz ein rotes Transparent auf mit der Aufschrift „Scheiß auf Elite“. Wenn dies Arbeitslose oder unterbezahlte Arbeitnehmer so formuliert hätten, würde ich kein Wort darüber verlieren – aber wenn Studenten derartige Sprüche zur Schau stellen, die wahrscheinlich selbst ihr Abi auf dem Gymnasium gemacht haben, ist dies schlicht Heuchelei, Provokation gegen Elite-Unis hin oder her. Wer ein Universitätsstudium erfolgreich absolviert hat, wird bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wird voraussichtlich überdurchschnittlich verdienen oder doch wenigstens einen Arbeitsplatz finden, der seinen Neigungen entspricht. Kurz, er hat beste Chancen, in die „Elite“ aufzusteigen.

Gewiß wäre es vollkommen sinnlos, mit den Verfassern derartig schnöder Parolen zu diskutieren. Sinnlos dürfte es auch sein, den Organisatoren des Streiks vorzuschlagen, wenn sie ein „breites Bündnis“ organisieren wollen, anstelle von Autonomen, Roter Hilfe und Linkspartei eventuell mehr Studenten auf ihre Seite zu ziehen, die zwar im Zweifelsfalle nicht (dogmatisch) links sind, aber doch  (zu hohe) Studiengebühren ablehnen oder die Verschulung und Bürokratisierung des Studiums nach den Bologna-Prozeß kritisieren.

Gleichwohl sind die Studenten in der Mehrheit, die sich durch diese Form der Bildungsproteste nicht vertreten fühlen. Natürlich können diese bürgerlich gesonnenen Studenten sagen, „laßt die Chaoten doch krakeelen- im Beruf spielt dieser obsolete Uni-Radikalismus keine Rolle mehr“. Doch intellektuelles Krummbuckeln, Anpassung und linksliberales Wohlverhalten wird sich auf Dauer nicht auszahlen. Die Bildungsproteste werden als Forum für linksradikale Propaganda missbraucht. Das ist einer von vielen Versuchen, daß politische Koordinatensystem der BRD noch weiter nach links zu verschieben. Darum ist  es sehr wohl relevant, hier Position zu beziehen.

Man beachte die allgemeine sozioökonomische Entwicklung (Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse, Anwachsen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund) und die politische Situation (schlechte Außendarstellung und Konzeptlosigkeit der CDU/FDP Regierung), die unweigerlich zu linken Mehrheiten im Bund und in den Ländern führen werden. Erhebt deshalb eure Stimme, wenn bei Bildungsprotesten einseitig das Leistungsprinzip zugunsten einer angeblichen Gleichheit abgewertet wird. Insbesondere rufen wir zur Verteidigung des Gymnasiums auf. Das Gleiche gilt auch bei anderen politischen Themen! Klappe halten ist out. Es wird Zeit, die Dauerpräsenz des pseudosubversiven linken Politkitsches an der Uni offener zu kritisieren, als dies bisher geschehen ist.

Für den Fall eines Sturms von pöbelnden Horden auf unseren Bildungstempel hält jedenfalls die Pickelhaube den „Säbel scharf und das Pulver trocken“. Wir werden angesichts von „A-A-Antikapitalista“ Geschrei nicht zittern und zagen, wie jener Referent des Manager – Seminars im obigen youtube-Video, der eilends versicherte, er habe mit der Universität gar nichts zu tun.

Markward von Annweiler, 05.09. 2010

Bildquelle: hamburgbrennt.blogspot.com (!)

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