Bekenntnisse eines Wendehalses

Nachdem sich jüngst mein Kampfgenosse Markward von Annweiler dem Stalinismus zuwandte und nun daran arbeitet, das ökonomische System der Bundesrepublik in eine zeitgemäße Planwirtschaft umzuwandeln, denke auch ich über einen politischen Richtungswechsel nach. Von Ewald Knülle

Rückgratlos folgt er dem Linkstrend: Der gemeine Wendehals (Jynx torquilla)

Ich wär’ so gern ein_e aufrechte_r Antifaschist_In. Das hätte viele Vorteile. Ich würde zum Beispiel nicht für diesen lausigen Blog schreiben, den ohnehin niemand liest, sondern für die Philtrat, die Zeitung der StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät Köln.

Fürwahr! Als aufrechte_r Antifaschist_In kann man besten Gewissens Lobbyarbeit für das Partikularinteresse einer privilegierten Bevölkerungsgruppe betreiben: Man wird, umgerechnet auf das gesamte Berufsleben, wesentlich mehr verdienen als jeder Handwerksgeselle und jede Krankenschwester, und kann trotzdem problemlos von diesen fordern, das eigene Studium zu finanzieren, ohne den geringsten Eigenbeitrag. Man kann zu Straftaten aufrufen (1) bzw. dazu, andere Bürger an der Ausübung der ihnen verfassungsgemäß zustehenden Rechte zu hindern (2).

Man kann Kleidung tragen, die in China gefertigt wurde, die eigene Wohnung mit in Rußland gefertigten Möbeln (IKEA) einrichten, Bohnen aus Marokko (Aldi) essen und der Liebsten Schnittblumen aus Kenia schenken, man kann stundenlang im Internet surfen und mit dem taiwanesischen Händi telephonieren, gleichzeitig aber „gegen Globalisierung“ sein, die sofortige Abschaltung sämtlicher Atomkraftwerke fordern und über die Ausrichtung von Bildungswesen und Arbeitswelt an Effizienzkriterien jammern. Man kann für Freiheit und Unabhängigkeit der Forschung eintreten und gleichzeitig verlangen, daß sich sämtliche akademischen Disziplinen an den eigenen ideologischen Überzeugungen ausrichten (3).

Man kann eine „Informationsveranstaltung zum Castor-Protest“ veranstalten, über das politische Erbe Trotzkis diskutieren oder eine neue Kapitalismusdefinition erarbeiten und bekommt dafür völlig selbstverständlich von der Uni Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Man kann die allgegenwärtige staatliche Überwachung beklagen und gleichzeitig die Überwachung politisch Andersdenkender verlangen, gegebenenfalls auch deren Entfernung aus dem Berufsleben. Kurzum, man kann den größten Scheiß dahersalbadern und dabei davon ausgehen, daß die eigene Logorrhoe auch bei Nicht-Antifanten als zumindest gutgemeint und diskussionswürdig gilt. Extremisten sind immer die anderen.

Denn man kämpft für eine bessere Welt. Und in diesem Kampf ist so manches Mittel erlaubt; man verfügt schließlich über das ‚Gewaltrecht des Guten‘ (Ernst Bloch).

Und grundsätzlich steht einem alles zu, ohne Gegenleistung. Sollten die eigenen Maximalforderungen nicht erfüllt werden, gibt es Streik. Man kann gegen alles streiken, ob es nun innerhalb politischer Gestaltungsmacht liegt oder nicht: gegen Studiengebühren, Kapitalismus, Globalisierung, vielleicht demnächst gegen das Regenwetter im Herbst. Das wohlwollende Verständnis vieler Dozenten ist einem sicher. Man ist so derart überzeugt von der moralischen Qualität und der Wirkungsmacht des Streiks, dass, bei einer Veranstaltung des Historischen Seminars zum Thema ‚Studium in Köln in der unmittelbaren Nachkriegszeit’, nach der Darstellung der gelinde gesagt suboptimalen Studienbedingungen jemand ernsthaft fragte: „Warum haben die denn nicht gestreikt?“ Nicht unpassend für die heutige Zeit des entgrenzten Anspruchsdenkens, in der schon die Kinder, anstatt mit selbstgebastelten Laternen zu wedeln, in gekauften Kostümen vor der Tür stehen und „Süßes oder Saures“ blöken, ohne für ihre Süßigkeiten erst einmal anständig zu singen, wie es sich gehört.

Natürlich denken die meisten Studenten: Das sind schon komische Vögel, diese Antifanten. Aber so einen gewissen sex-appeal hat er ja schon, der Kampf für das Gute. Man trifft sich regelmäßig mit feschen, eloquenten jungen Menschen und errichtet Anbauten an intellektuell anspruchsvolle Gedankengebäude wie die von Marx, Marcuse und Adorno.

Mal ehrlich: Was haben da die Rechten schon zu bieten? Stumpfsinnig und feist hocken sie in ihren Verbindungshäusern, schwingen den Bierseidel und hacken sich gegenseitig Furchen ins Gesicht. Und wenn sie an die Öffentlichkeit treten würden? Wenn sie sich so verhalten würden, wie es die Antifanten tun? Man stelle sich vor: Stiernackige Burschenschaftler verteilen in der Mensa Handzettel, um zum „Grillen gegen Links“, zum Dance for Intolerance oder zum „Antifantenstoppen“ am 1. Mai aufzurufen, während bunte Plakate allüberall ihr fröhliches „Atomkraft? Ja bitte!“ verkünden und in Uni-Räumen Diskussionen stattfinden zu Themen wie „Soziale Selektion verstärken, Pöbel von der Bildung fernhalten“ oder „Von der Monarchie lernen“…

Das wäre ja geradezu Ausdruck von Meinungsvielfalt und muß an der Uni Köln vorerst wohl ein Traum bleiben. Insofern steht mein Entschluß. Sehnlichst erwarte ich die neue Philtrat, mich auf den leuchtenden Pfad zu führen.

Ewald Knülle, 12. 11. 2010

(1) vgl. StGB § 111, § 303, § 315.

(2) Am Demokratieverständnis bei Pro Köln kann man sicherlich zweifeln. Dennoch sind es Bundesbürger mit Grundrechten. Sogar gewaltfreie Methoden, eine genehmigte Demonstration aufzuhalten, werden mitunter als Straftat, nämlich als Nötigung, aufgefasst. Vgl. grundsätzlich GG Art. 3 Abs. 3 sowie Art. 8.

(3) Wenn keine Forschung betrieben darf, die wehrtechnischen Nutzen hat, dann könnten mehrere derzeit von der Informatik angedachte Projekte eingestampft werden, von der Luft- und Raumfahrttechnik mal abgesehen. Interaktive Strömungsvisualisierung per Computer beispielsweise könnte im Flugzeug- und U-Boot-Bau Verwendung finden.

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