Risse im Granit

Endlich! Die neue Ausgabe der Kölner Philtrat ist seit einigen Tagen verfügbar, uns auf den leuchtenden Pfad zu führen. Voller Vorfreude stürzt sich die Journaille der Pickelhaube auf das papierne Machwerk. Was erwartet uns? Ein neuer Aufruf zur Weltrevolution, zum Kampf gegen ‚weiße Dominanzstrukturen‘, Neoliberalismus und Konsumterror? Frontberichterstattung vom heldenmütigen Abwehrkampf der Castor-Schotterer gegen die Todeskommandos der Bundespolizei? Von wegen! Bitter werden die Erwartungen enttäuscht. Von Ewald Knülle

In der neuen Ausgabe (98/2010) der Philtrat wird, wie üblich, Lesben, Schwulen und Antifaschisten aller Couleur deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als es ihrem numerischen Vorkommen in der universitären Lebenswelt entspräche – aber das allein ist ja keineswegs verwerflich und bei einem stark linkslastigen Projekt wie der Philtrat durchaus zu erwarten, zumal die AutorInnen natürlich selbst entscheiden können, womit sie ihre Lebenszeit verschwenden.

Man danke der Pressefreiheit. Diese beanspruchen wir von der Pickelhaube natürlich auch für uns, um unsere Lebenszeit zu verschwenden. Insofern können wir der Philtrat allein aufgrund ihrer Themenschwerpunkte beim besten Willen keinen Vorwurf machen. So frustrierend es auch sein mag: Die aktuelle Ausgabe bietet schlichtweg keinen Ansatzpunkt für unflätige Schimpfkanonaden.

Denn was ihr beinahe vollkommen fehlt, sind jene Lobhudeleien für Hobbyterroristen, Friedensnazis und Gesinnungs-Sturmtruppler, aufgrund derer die Philtrat uns so ans Herz gewachsen ist. Stattdessen folgt der so obligatorischen wie unendlich geistreichen und mutigen Polemik gegen Rektor Freimuth eine Reihe von Artikeln, wie man sie, nun ja, in einer studentischen Zeitung erwarten würde, nicht aber einem zentralen Publikationsorgan des revolutionären Sozialismus.

Sprachlich sattelfest, wenngleich wenig inspiriert, berichten die AutorInnen von einer geplanten Lerneinichtung, die sich als „inklusive, demokratische, geschlechtergerechte, kritische und emanzipatorische Schule“ versteht, vom kürzlich fertiggestellten neuen Seminargebäude, von Initiationsriten unter finnischen Studenten, von der Uni-nahen Theaterbühne und einigen kinematographischen Neuerscheinungen. Die Artikel sind allem Anschein nach ordentlich recherchiert und lassen stellenweise jegliche Agitprop-Methodik vermissen. Kurzum, die Philtrat gebärdet sich, als wolle sie den Kölner Studenten lebensweltrelevante, informative und unterhaltsame Lektüre bieten.

Das aber wäre eine völlige Abkehr vom bisher verfolgten Kurs. Einen schlaffen Rest von revolutionärem Impetus scheint allein Hanna-Lisa Hauge aufzubringen; sie berichtet über das Kalker „Autonome Zentrum“ und läßt AktivistIn Sascha Baumgarten (1) in weisen Worten erläutern, welch großartigen Beitrag die bald städtisch finanzierte Trutzburg des Antifaschismus für das kulturelle Leben in Köln leistet. Neben einer „Volxküche“ gibt es dort nämlich auch einen „Umsonst-Laden“ und lauter total unangepaßte Leute, denen, so AktivistIn Baumgarten, Offenheit ein Grundprinzip ist. Ein flammender Aufruf zur Weltrevolution, zum Kampf gegen die Unterdrücker sieht anders aus.

Offenheit ist ein Grundprinzip: Die "Volxküche" im AZ Köln-Kalk

Ebenfalls nur müder Abgesang an alte, klassenkämpferische Zeiten ist die obligatorische Rezension eines Buches über im Dritten Reich verfolgte und ermordete Minderheiten. Solche Bücher sowie Rezensionen davon gibt es zuhauf; die Vereinnahmung des Leidens und Sterbens der NS-Opfer stellt dabei bekanntlich Daseinsberechtigung, Identitätskern sowie Ursprung der immerwährenden moralischen Überlegenheit des Antifantentums dar.

Doch solch eine Vereinnahmung kann man Johanna Böttges in ihrem Beitrag nicht vorwerfen. Enthusiastisch, aber scheinbar ohne Drang zum Umsturz der bestehenden Verhältnisse rezensiert sie (S. 9) das jüngst erschienene Gefährliche Lieder. Es ist dies ein Buch über rheinische Jugendliche, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus in zivilem Ungehorsam übten, über Jugendliche also, die im Gegensatz zu den heutigen Antifa-Rebellenclowns (2) wirklich unangepaßt waren und sich echter Unterdrückung durch einen in der Tat rücksichtslos brutalen Staatsapparat ausgesetzt sahen. Dadurch aber, daß AutorIn Böttges keinerlei Querverweise zum täglichen Faschismus und Rassismus an der Uni, zum allgegenwärtigen Holocaust auf Kölner Straßen zieht, bleibt jegliche propagandistische Wirkung ihres Artikels allein der Deutung des Lesers überlassen. Es scheint fast, als wollte die Philtrat auf linksdogmatische Meinungsmache verzichten.

Mit dem revolutionären Drang aber scheint auch die sprachliche Kreativität der AutorInnen abgeschlafft zu sein: Von den sonst so herrlichen politisch-korrekten Wortneuschöpfungen ist in der neuen Philtrat kaum mehr etwas zu finden. So kommen etwa Johanna Böttges‘ „ZeitzeugInnenspaziergänge“ (S. 9) an die perfekt ausbalancierte intermorphemische Symmetrie des einst von Sprachgenie Julia Groth geschaffenen Monoverbalstabreimes „TierrechtlerInnentiraden“ nicht annähernd heran.

Was ist nur aus dem vormals so linientreuen Kampfblatt der Weltrevolution geworden? Einst wandelte man fest auf dem granitenen Fundament des Antifantentums, doch erste Risse zeigen sich. Es soll, ja muß an dieser Stelle ein dringender Aufruf an die Redaktion der Kölner Philtrat erfolgen. Liebe AutorInnen, welchem Geschlecht ihr euch auch immer gerade zugehörig fühlt: Wehret den Anfängen! Wo kämen wir denn hin, wenn die Philtrat von nun an nur noch sachlich-nüchtern berichten, sich jeglicher revolutionären Propaganda enthalten würde? Nicht auszudenken, was passieren könnte – am Ende gäbe es vielleicht Redaktionsmitglieder, die politisch nicht bei MLPD, bei Linken oder Grünen beheimatet wären! Dann herrschten – Himmel hilf – vielleicht gar irgendwann Meinungsvielfalt und Pluralismus im Philosophikum!

Ein solches Horrorszenario muß um jeden Preis verhindert werden. Schließlich erfüllt sich die Existenz der Pickelhaube allein in dreister Polemik und haltlosen Vorwürfen gegen die Vorkämpfer linksdogmatischer Meinungshegemonie an der Uni Köln. Ein wahrhaft demokratisches, von Toleranz und herrschaftsfreiem Diskurs geprägtes Klima wäre absolut tödlich für unser Projekt. Zwar blieben außer der Philtrat noch einige andere Gruppierungen, die sich im Klassenkampf betätigen und veritable Feindbilder abgäben. Doch handelt es sich dabei im wesentlichen entweder um obskure Polit-Sekten, die sich niemals anmaßen würden, für die gesamte StudentInnenschaft der Philosophischen Fakultät zu sprechen, oder um themengebundene Bewegungen (z. B. „Bildungsstreik“), die allein aus programmatischer Selbstbeschränkung wie aus Bedarf an hoher Mitgliederzahl sich nicht (offen) auf den revolutionären Sozialismus berufen können. Sprich, es fehlte uns der Erzfeind, würde die Philtrat den mit der neuen Ausgabe eingeschlagenen Kurs fortsetzen.

Daher fordern wir von der Pickelhaube hiermit alle ambitionierten Jungagitatoren – ob nun Mann, Frau, oder irgendwas dazwischen – ultimativ auf, sich der Philtrat zur Verfügung zu stellen und die Risse im granitenen Fundament zu schließen. Nur so können Verhältnisse geschaffen werden, in denen der Mensch kein erniedrigtes, kein geknechtetes, kein verlassenes, kein verächtliches Wesen ist, und in denen die Pickelhaube allwöchentlich ein semantisch-syntaktisches Stahlgewitter gegen derlei Unfug entfesseln kann.

Hoffnungsvoll

Ewald Knülle, 16. 11. 2010

(1) ‚Sascha Baumgarten‘ ist ein Pseudonym, wie Hauge klarstellt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Welcher ehrbare Bürger tritt schon unter Verwendung eines falschen Namens an die Öffentlichkeit?

(2) Diese grandiose Wortneuschöpfung stammt unseres Wissens von Claus Wolfschlag, der hier zwar ein Lehnwort verwurstet, ansonsten aber jeglicher Bestrebungen zur Bereicherung der deutschen Sprache und Kultur mit Ausländischem unverdächtig ist.

Bildquellen: ram-aid.biz; uglyhousephotos.com

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s