Karlheinz Weißmann, Max Weber und das Parteien(un)wesen

Wer sich konservativ wähnt und dabei an einer Uni studiert, die starke Schlagseite nach links hat, der braucht Gefährten und geistige Vorbilder. Fündig wird man in der rechten Blogosphäre: Blaue Narzisse, Das Gespräch und vor allem Sezession im Netz sind täglich erfrischende Erbauungslektüre. Doch ein vom spiritus rector der Neuen Rechten kürzlich veröffentlichter Artikel wirft Zweifel auf. Von Ewald Knülle

Dieser Mann ist ein Freund des gepflegten Seitenscheitels und des Parlamentarismus

Anläßlich des jüngsten CDU-Parteitages verdeutlicht Karlheinz Weißmann in seinem Artikel „Max Weber, die CDU und die Partei überhaupt“ noch einmal jene skeptische bis ablehnende Position, die man bei der Sezession gegenüber der Union wie auch dem Parteienwesen generell einzunehmen scheint.

Laut Weißmann kennt Max Weber im Prinzip nur zwei Typen von Parteien: Inhaltsorientierte Weltanschauungsbewegungen sowie inhaltlich gesinnungslose, lediglich am Erwerb von Ämtern und Pfründen interessierte Amtspatronage-Organisationen. Weber schreibe überdies, so Weißmann, daß

sich der Weltanschauungscharakter [einer politischen Bewegung] zwangsläufig verliere, wenngleich man „durch die Tradition überlieferte und mit Rücksicht auf sie nur langsam modifizierbare Ziele“ schwer ganz loswerde; trotzdem wandle sich doch jede Weltanschauungspartei bei vollendetem Parlamentarismus in einen Verband, der für seine Mitglieder und Anhänger Beute machen wolle und deshalb Wahlerfolg und dauernden Machtbesitz anstrebe.

Als Leser erhält man also folgenden Eindruck: Max Weber hat den Parlamentarismus als System angesehen, das Weltanschauungsbewegungen zwangsläufig in opportunistische, gesinnungslos machtorientierte Patronageorganisationen wandelt, die nichts anderes wollen als „Beute machen“. Eine solche Lesart deuten auch die veröffentlichten Kommentare an.

Dieser Eindruck allerdings wäre sachlich falsch, wie ein Blick in das von Weißmann zitierte Werk zeigt (S. 326f.): Weber hatte Patronageorganisationen in Reinform als typisch gerade nicht für den Parlamentarismus angesehen, vielmehr den Parlamentarismus als jenes System erachtet, welches einen vollständigen Wandel von der inhaltsorientierten Weltanschauungspartei zur opportunistischen, inhaltlich gesinnungslosen Amtspatronage-Organisation verhindere. Im Parlamentarismus entwickelten sich  politische Bewegungen in aller Regel zu einem Mischtyp, zu Parteien, die zwar einerseits Ämterpatronage anstrebten, andererseits aber auch inhaltsorientiert blieben. Von einer Tendenz zum vollständigen Verlust der inhaltlichen Positionen, wie bei Weißmann impliziert, ist bei Weber überhaupt nicht die Rede.

Davon abgesehen ist Webers Parteientypologie in seinem späteren Hauptwerk (Wirtschaft und Gesellschaft, 1921/22) deutlich differenzierter; die Dichotomie, die Weißmann konstruiert, hätte Weber selbst wohl nur zeitweise vertreten.

Daher erscheint Weißmanns Darstellung, obwohl vielleicht nicht sachlich falsch, so doch durch Auslassungen und nicht klar als eigene Deutungen erkennbare Passagen („Beute machen“) tendenziös und manipulatorisch. Meine Einwände habe ich im Kommentarbereich des Artikels darzulegen versucht. Mein erster Beitrag wurde ignoriert, der zweite mit 3-4 Tagen Verspätung in gekürzter Form abgedruckt (die sachlichen Einwände wurden in Gänze wiedergegeben).

Götz Kubitschek hat eine kurze Antwort geschrieben; nach Rücksprache mit Herrn Weißmann und erneuter Lektüre Webers ist er der Ansicht, daß der Artikel in keinster Weise tendenziös sei. Ein erneuter Versuch meinerseits, die entsprechenden Passagen Webers zu zitieren, ging ins Leere, es ist mir nicht mehr möglich, Kommentare zu schreiben – honi soit qui mal y pense. [Nachtrag 23. 5. 2011: Der Bann scheint aufgehoben zu sein]

Man wird es Weißmann nicht verübeln können, daß er über eine immer stärker nach links rückende Union frustriert ist. Sicherlich hat ja die CDU ihren „Weltanschauungscharakter“ weitgehend verloren, sich zu einer konturenlosen, sozialdemokratisierten „Volks“partei entwickelt, die man nur mit Schwierigkeiten noch als konservativ bezeichnen kann.

Überdies mag Weißmann mit Recht das politische System als Ganzes kritisieren. Daß Parteien eigene Oligarchien entwickeln, daß sie zugunsten des Wahlerfolgs gerne ihr Fähnchen nach dem Wind richten und allerlei Zauberwerk versprechen, ist ja auch bei kritischen Anhängern des parlamentarischen Systems unstrittig. Weißmanns Haltung wird auch dadurch nachvollziehbar, daß es für Konservative derzeit kaum Möglichkeiten zur Teilhabe an der kollektiven Willensbildung gibt – wie könnte man da nicht die bestehenden Verhältnisse kritisieren.

Doch Max Weber für eine Fundamentalkritik am Parlamentarismus nutzen zu wollen, erfordert stark voreingenommenes Lesen. Denn Weber ist ein (durchaus kritischer) Anhänger des parlamentarischen Systems, wie auch das Vorwort der von Weißmann zitierten Schrift unzweifelhaft deutlich macht: Weber kritisiert jene „akademisch gebildeten Literatenkreis[e]“, welche „die Volksvertretung zu diskreditieren suchen“. Insofern mag es bizarr erscheinen, wenn gerade Karlheinz Weißmann Max Weber für die Sezession dienstbar zu machen versucht. Die entsprechenden Passagen sind unten noch einmal abgedruckt.

Ewald Knülle, 25. 11. 2010

Max Weber im Vorwort zu „Parlament und Regierung“:

[Die in der vorliegenden Schrift vorgebrachten Argumente] wenden sich gegen diejenigen, welche die Zeitlage auch jetzt noch für geeignet halten, zugunsten anderer politischer Gewalten die Volksvertretung zu diskreditieren. Dies ist leider namentlich in ziemlich breiten akademischen und akademisch gebildeten Literatenkreisen seit nun 40 Jahren und noch während des Krieges geschehen. Sehr oft in der überheblichen und maßlosesten Form, mit wegwerfender Gefälligkeit und ohne jede Spur von gutem Willen, die Existenzberechtigung leistungsfähiger Parlamente überhaupt nur verstehen zu wollen.

Über Parteien:

Entweder [Parteien] sind […] wesentlich Amtspatronage-Organisationen. Ihr Ziel ist dann lediglich, durch Wahlen ihren Führer in die leitende Stellung zu bringen, damit er dann seiner Gefolgschaft: dem Beamten- und Werbeapparat der Partei, die staatlichen Ämter zuwende. Inhaltlich gesinnungslos, schreiben sie, miteinander konkurrierend, jeweils diejenigen Forderungen in ihr Programm, welchen sie die stärkste Werbekraft bei den Wählern zutrauen. Dieser Charakter der Parteien ist in den Vereinigten Staaten deshalb so nackt ausgeprägt, weil dort kein parlamentarisches System besteht […].

[…] Oder die Parteien sind vornehmlich Weltanschauungsparteien, welche also der Durchsetzung inhaltlicher politischer Ideale dienen wollen. […] Die Regel ist aber, daß Parteien beides zugleich sind: sie haben sachlich politische, durch die Tradition überlieferte und mit Rücksicht auf sie nur langsam modifizierbare Ziele, erstreben aber außerdem: Ämterpatronage. […] Dies ist die Regel in parlamentarischen Staaten, und diesen Weg sind daher dort auch die Weltanschauungsparteien gegangen.

Aus: Weber, Max, Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland. Zur politischen Kritik des Beamtentums, in: Winckelmann, Johannes (Hg.), Max Weber: Gesammelte politische Schriften, Tübingen 1988 (5. Aufl.), S. 306-443, Zit. v. S. 306 u. 326f.

Hinweis für Leser mit dunkelroter Brille: Die geistige Energie, die es braucht, einen kurzen Artikel Weißmanns zu kritisieren, würde für den vernichtenden Verriss von ca. 100 Ausgaben der Philtrat oder 3000 Handzetteln der Sozialistischen Alternative reichen.

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2 Antworten zu Karlheinz Weißmann, Max Weber und das Parteien(un)wesen

  1. maximus schreibt:

    Grüß Gott,
    seid ihr eingeschlafen?
    Ich vermisse einen neuen Artikel, oder schreibt Ihran Guttys neuer Dr.-Arbeit?

    Liebe Grüße

  2. Ewald Knülle schreibt:

    Hallo Maximus,

    nun ja, wir führen ein Leben voller Müßiggang und Stumpfsinn. Doch werden Sie sich in Bälde an einigen neuen Machwerken von gewohnt grottiger Qualität erfreuen können.

    Liebe Grüße
    Ewald Knülle

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