Kritische Wissenschaft und Zivilklausel

Was haben Zivilklausel, ‚kritische Wissenschaft‘ und Modernisierungstheorie miteinander zu tun? Überlegungen von Ewald Knülle

Die Kölner Student_Innenschaft setzt sich für den Frieden ein

Köln, im Sommer 2011: Die Student_Innenschaft feiert die Zivilklausel. Das Datum auf der Abbildung wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen von der Redaktion um 60 Jahre vorverlegt.

Bekanntlich sind moderne westliche Gesellschaften davon geprägt, das ihre funktionalen Subsysteme – also etwa Bildung, Wirtschaft, Kultur, Justiz etc. – stark ausdifferenziert sind und weitestgehend unabhängig von der Politik arbeiten können. So ist ja, um ein Beispiel zu nennen, in der BRD das Bundesverfassungsgericht in seinen Entscheidungen nicht an Parteien und Regierung gebunden. Diese Autonomie der Subsysteme aber bedingt, daß Mitarbeiter von Universitäten prinzipiell mit der Wirtschaft, und das heißt auch: mit der Rüstungsindustrie kooperieren können, ohne vorher bei Claudia Roth zu fragen, ob sie das auch dürfen.

Dieser Umstand hat unter der Studentenschaft der Uni Köln beträchtlichen Widerwillen erzeugt. Zahlreiche mutige KämpferInnen gegen Faschismus, Kapitalismus und Krieg fanden sich zusammen, der evidenten Militarisierung von Bildungswesen und Gesellschaft einen Riegel vorzuschieben. Ergebnis ist die sog. Zivilklausel, die da lautet:

Die Universität wirkt für eine friedliche und zivile Gesellschaftsentwicklung. Sie ist selbst eine zivile Einrichtung, betreibt keinerlei Militär- oder Rüstungsforschung und kooperiert nicht mit Einrichtungen des Militärs oder der Rüstungsindustrie.

Der neue rot-rot-grüne AStA, der sich dezidiert als politisch versteht (obwohl er kein allgemeinpolitisches Mandat hat), sieht hier aber nur den ersten Schritt. Um den leuchtenden Pfad in ein besseres Morgen weiter zu beschreiten, wurde ein neues Referat mit dem Titel ‚Kritische Wissenschaften und Antidiskriminierung‚ geschaffen. Nun wird mancher Student, mancher Dozent ob des leicht tautologisch anmutenden Charakters der Bezeichnung ‚kritische Wissenschaften‘ erstaunt auf Karl Popper verweisen und fragen, ob denn Wissenschaft nicht per se kritisch sei, da sie die eigenen Erkenntisse transparent, eben ‚falsifizierbar‘ darlege und somit stetiger Prüfung und Revision unterwerfe.

Dabei handelt es sich natürlich um einen Irrtum: Wissenschaft ist nur dann kritischTM, wenn sie den Nachweis erbringt, daß soziale Ungleichheit verwerflich, daß kulturelle Homogenität protofaschistisch ist, daß Minderheiten prinzipiell gut und Militäreinsätze prinzipiell böse sind – zumindest, wenn es sich um nichtkonservative oder außereuropäische Minderheiten und westliche Militäreinsätze handelt. Eine nicht-kritische Wissenschaft dagegen ist rassistisch, homophob, sexistisch etc. und muß rücksichtslos bekämpft werden. Was das konkret bedeutet, konnte ein (nicht-kritischer) Berliner Dozent erfahren, der in einer Vorlesung von ‚Schwarzafrika‘ sprach und deswegen seitens des (kritischen) ‚AK Uniwatch‘ mit Rassismusvorwurf, Hetzkampagne und Kündigungsforderung belegt wurde.

Es geht also, ganz gemäß einer kulturpolitischen Maxime der SED („Stürmt die Festung Wissenschaft“), bei der Forderung nach ‚kritischer Wissenschaft‘ um folgendes: Unser Hochschulwesen soll einer Kontrolle nach politisch-ideologischen Gesichtspunkten unterworfen werden. Warum auch nicht – die derart gesteuerten Hochschulsysteme in den beiden deutschen Diktaturen haben schlicßlich Perlen der Wissenschaftsgeschichte hervorgebracht wie die Rassenseelenkunde oder die Deutung des Nationalsozialismus als perfide verdeckte Herrschaft der traditionellen Wirtschaftseliten.

Hinfort also mit der Freiheit des Denkens und der Autonomie gesellschaftlicher Subsysteme! Solange es der guten Sache dient, kann man zivilisatorische Errungenschaften mehrerer Jahrhunderte getrost in die Tonne kloppen. Der erste Schritt in eine bessere Welt ist, wie gesagt, die Zivilklausel.

Nun ist es zwar nicht so, daß an der Uni Köln in Kooperation mit Rheinmetall ein neuer waffentauglicher Milzbranderreger samt Gefechtskopf für den Einsatz in ballistischen Raketen entwickelt werden würde. Nein, der finstere Einfluß der Rüstungskonzerne macht sich in wesentlich subtilerer Weise bemerkbar: Einziges (mir bekanntes) Projekt in direkter Kooperation mit dem Militär ist derzeit eine Unterabteilung der Sporthochschule, die in Zusammenarbeit mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr* Leistungsdiagnostik für Soldaten spezieller Verwendungsbereiche durchführt.

Das aber gilt es sofort zu unterbinden – wo kämen wir da hin, wenn (ich rate mal, genau weiß ich es nicht!) Strahlflugzeugführer oder U-Boot-Besatzungen vor ihrem Einsatz wüßten, ob sie für die speziellen Anforderungen ihrer Tätigkeit körperlich auch geeignet sind? Nein, jedwede Kooperation mit dem Militär und der Rüstungsindustrie muß ausgesetzt werden. Keine Forschung für den Krieg!

Man müßte also z. B. einige jüngst angedachte Projekte in der Informatik einstampfen, computergestützte Strömungssimulation nämlich kann im Flugzeug- und U-Bootbau Verwendung finden. Das allerdings wäre eher eine Bekämpfung der Symptome denn der Ursache des Problems. Auf der sicheren Seite wäre man, wenn Informatik, Elektro- sowie Luft- und Raumfahrttechnik als Ganzes aus dem deutschen Hochschulwesen entfernt würden. Diese Disziplinen nämlich sind  latent rüstungsindustrieanfällig und entwickeln jene Komponenten und Konzepte, die computergestützte Systeme wie den neuen militärischen Großraumtransporter A400M erst möglich machen. Auch die Physik als Bereitstellerin des Grundlagenwissens muß einer scharfen Kontrolle unterzogen werden, wenn die Entwicklung z. B. von lasergeleiteten Lenkbomben zu unterbinden ist. Ferner sollte, gewissermaßen als Geste des guten Willens, die Uni Köln ihr Rechenzentrum sowie die auf dem Campus verteilten Computerräume schließen, ist doch das Internet ein ursprünglich militärisches Projekt. Die kritische WissenschaftTM als Teil einer wahrhaft emanzipatorischen, geschlechtergerechten, inklusiven und demokratischen Gesellschaft erfordert eben gewisse Opfer.

Opferbereit

Ewald Knülle, 18. 4. 2011

*Genauer: Mit der Laborabteilung IV „Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie“ des Zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s