Kunst, Kapitalismus und Kopfschuss

Für einige Zeit prangten an mehreren Bürofenstern im Erdgeschoß des Philosophikums der Uni Köln Plakate mit so schlichtem wie bedeutungsschwerem Motiv: Zwei Männer stehen nebeneinander, der eine hält dem anderen eine Pistole an den Kopf. Unterschrieben ist das ganze mit jenem Wort, das in akademischen Kreisen seit 1968 Unbehagen erregt: Capitalism. Was hat es damit auf sich? Eine Kunstkritik von Ewald Knülle

Kain (rechts) und Abel: Opfer des Kapitalismus

Kain (rechts) und Abel: Opfer des entfesselten Kapitalismus

1. Kunstwerk

Die Komposition des Werkes mag in ihrer Schlichtheit an den frühen Keith Haring erinnern, aufgrund der statischen Figurendarstellung sowie der allzu reduzierten Farbgebung wird eher aber die Assoziation mit einem Toilettenschild wachgerufen. Da die beiden Männer vom Körperbau her sehr ähnlich erscheinen, könnte man vielleicht den biblischen Brudermord (1. Mose 4, 3-15) als Inspirationsquelle des Künstlers annehmen: Beide Brüder, Kain und Abel, sind Werktätige (Bauer bzw. Schäfer) und bringen die Frucht der Entfaltung ihrer Produktivkräfte auf den nach Maßgabe von Angebot und Nachfrage bestimmten Markt (den Opferaltar). Das Produkt des einen, Fleisch und Fett des geschlachteten Tieres, wird nachgefragt, das Produkt des anderen (die Feldfrucht) wegen offenbar minderer Qualität nicht. Daraufhin sieht der geschmähte Kain keine andere Lösung als den Mord am eigenen Bruder.

Die Botschaft des Künstlers liegt auf der Hand: In kapitalistischen Produktionsverhältnissen ist der Mensch gnadenlos den Mechanismen des Marktes ausgeliefert, was zwangsläufig zu Ausgrenzung und Brutalisierung führt. Zudem wird Massentierhaltung gegenüber veganer Ernährungsweise begünstigt. Hätten Kain und Abel im Sozialismus gelebt, so wäre es zu dem Mord überhaupt nicht gekommen: Beide hätten lediglich eine von Gott festgelegte Produktionsquote zu erreichen gehabt; dabei wären die Qualität der Ware und der realwirtschaftliche Bedarf danach völlig irrelevant gewesen. Diese Quote aber hätten aufgrund einseitiger Förderung der Schwerindustrie und fehlenden Leistungsanreizen für Genossenschaftsbauern weder Kain noch Abel auch nur ansatzweise erfüllt. Zudem wären beider Produkte wegen Abschottung vom Weltmarkt in keinster Weise konkurrenzfähig gewesen. Dank dieser Nivellierung nach unten hätte für Gott keinerlei Grund bestanden, einen der beiden zu bevorzugen. Außerdem käme im Sozialismus der Tierschlachtung ein viel geringerer Stellenwert zu, denn es gäbe bestenfalls zweimal die Woche Fleisch, und dann auch nur, wenn man mehrere Stunden dafür ansteht.

Im Gegensatz zum Sozialismus führt also der Kapitalismus zwangsläufig zum Mord an Mensch und Tier. Diese Botschaft hat der Künstler in brillianter Anverwandlung des biblischen Motivs auf Papier gebannt. Doch was ist der Kontext, in dem das Werk die ihm eigene Wirkung entfaltet und Unterdrückten wie Ausbeutern seine Botschaft mitteilt?

2. Kontext

Anlaß für die Ausstellung der Plakate war eine in unmittelbarer Nähe stattfindende Veranstaltung kapitalistischer Natur: Ein Pavillion wurde errichtet und Schilder mit Firmenlogos aufgestellt. Zahlreiche Personen in Anzug und Krawatte liefen geschäftig von hier nach dort, zückten Mobiltelefone und fachsimpelten über Controlling und Public Relations, man schüttelte sich die Hände und schlürfte Sekt oder Orangensaft. Kurzum, es gab ein Treffen zahlreicher Firmendelegationen.

Natürlich ist eine solch schamlose Verherrlichung von Kapitalismus und Ausbeutung auf dem ansonsten weitgehend faschismusbereinigten Gelände der Uni Köln schärfstens zu verurteilen – wo kämen wir da hin, wenn man BWL-Studenten die Möglichkeit gäbe, ihre zukünftigen Arbeitgeber Unterdrückungs-Komplizen kennenzulernen? Doch muß man sich fragen, ob das Aufhängen der Plakate direkt vor der Nase der Veranstaltungsteilnehmer gerechtfertigt war. Zwar handelt es sich um kapitalistisch-faschistische Unholde, doch hat wohl bestenfalls eine Minderheit von ihnen jemals den eigenen Bruder ermordet bzw. ihm in den Kopf geschossen. Die Plakate stellen demnach eine Beleidigung dar.

Diese Beleidigung und die Kopfschuß-Plakate überhaupt könnte man geradezu als zynisch und menschenverachtendTM ansehen, wenn diese beliebte Phrase denn auf Linke anwendbar wäre. Doch bekanntlich gehört es zu Toleranz und MeinungsvielfaltTM, daß Linksradikale sich jederzeit schärfster Polemik und haltloser Vorwürfe bedienen dürfen, ohne dafür sonderlich kritisiert zu werden, während Befürworter von Atomkraft, Leitkultur und Leistungsprinzip mit ihrer Meinungsfreiheit verantwortungsvoll umgehenTM müssen. Bei dem Kunstwerk handelt es sich demnach um einen Ausdruck des PluralismusTM in unserem Land.

Es soll insofern keinesfalls behauptet werden, der Kapitalismus sei seiner Alternative, dem Sozialismus, vorzuziehen – eine solche Behauptung würde an der Uni Köln bei vielen Studenten und Dozenten auf vehemente Ablehnung stoßen. Doch ist die vom Künstler erzeugte Assoziation von Kapitalismus und Kopfschuß vielleicht nicht ganz treffend.

3. Kopfschuss und Kritik

Denn es ist ja der Kopf- oder Nackenschuß als Bestandteil des Strafvollzugs in kapitalistischen Ländern seit längerem aus der Mode geraten, während dort, wo nicht die Ausbeuter, sondern die Werktätigen das Regiment führen, auch in jüngerer Zeit noch mit Freude darauf zurückgegriffen wurde. Man muß für ein Beispiel gar nicht nach China blicken, sondern könnte etwa diejenigen Deutschen fragen, die schon einmal das Glück hatten, in einem antifaschistischen Arbeiter- und Bauernparadies einbetoniert zu sein: Hier war bekanntlich ab 1961 die Ausreise je nach Himmelsrichtung nur unter Kopfschußrisiko möglich. Zudem wurden diejenigen, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht geben konnte – so der Mörder und Sexualstraftäter Erwin Hagedorn – durch ‚unerwarteten Nahschuß‘ entsorgt. Beides war in der kapitalistischen Bundesrepublik vergleichsweise unüblich; man konnte problemlos nach Holland zum Campen, ohne vom Bundesgrenzschutz füsiliert zu werden. Für den tödlichen Kopfschuss auf Benno Ohnesorg hingegen waren Initiative und freundliche Unterstützung des MfS nötig. Insofern stellt sich dem Kunstfreund die Frage, ob die Suggestion ‚Kapitalismus = Kopfschuß‘ so treffend ist. Vielleicht wäre die Unterschrift Socialism passender gewesen.

Ewald Knülle, 18. 4. 2011

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Eine Antwort zu Kunst, Kapitalismus und Kopfschuss

  1. Jim G. schreibt:

    Der Kernaussage, dass diese linken „Kopfschuss- Plakate“ einen menschenverachtenden Tenor beinhalten möchte ich beipflichten und gleichzeitig ein Beispiel aus meiner derzetigen Heimatstadt anführen: Einige „Neonazis“ hatten vor einigen Monaten beim Stadtrat tatsächlich eine widerwillige Freigabe für eine freie Meinungsäußerung erwirkt und durften demzufolge miteinander durch die Stadt laufen- insgesamt waren es bestimmt 100 Personen die den Hass von ca. 300 ANTIFAS und 250 engagierten(TM) Bürgern zu spüren bekamen.
    Ich wohne in einem Vorort dieser exponierten, zum Ruhrgebiet gehörenden Stadt- hier ist es „ruhig“. Ich habe von dem Nazi- Aufmarsch auch nur deshalb erfahren, weil ich es aus dem regionalen „Käseblatt“ erfahren habe, in dem man mutige und schmissige Kommentare, wie „DEM NAZI- AUFMARSCH MUTIG ENTGEGEN(GE)TRETEN“ noch wochenlang lesen konnte.
    Wirklich ärgerlich war dabei vor allen Dingen, dass einige oder mehre ANTIFA- Aktivisten offenbar Tage damit verbracht hatten, wirklich jeden einzelnen Laternenmast unseres schmucken Örtchens mit dämlichen Buttons, wie dem hier beschriebenen „vollzupappen“. Das Tolle an diesen „ANTIFA-BUTTONS“ ist, dass diese aus einem Material hergestellt sind, das eine einfache Entfernung schier unmöglich macht.

    Ich habe jedenfalls meine nächsten freien Tage damit verbracht, JEDEN EINZELNEN ANTIFA- BUTTON wieder zu entfernen- es müssen an die 50 gewesen sein- und ich freue mich schon auf den nächsten Aufmarsch der „braunen Gefahr“. Abschließend möchte ich erwähnen, dass dazu einfach nur mein Gerechtigkeitssinn nötig war.

    Jim

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