Von Philosophen und Friedensfreunden

Die marxistische Faschismustheorie, die in den 1920er und -30er Jahren im Rahmen des V., VI. und VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale formuliert und abgesegnet wurde, ist ein famoses Instrument. Mittlerweile müssen gar SPD-Mitglieder den Zorn der Gerechten fürchten. Von Ewald Knülle

Ein erschröcklich Geschicht vom Tewfel: Der Prozeß gegen Mathias Brodkorb (im Bild ganz rechts)

Zwar erfordert der Glaube an die Erklärungskraft der besagten Theorie eine gewisse Realitätsresistenz, da mentalitäts- und sozialgeschichtliche Faktoren der faschistischen Bewegungen sowie Funktion und Funktionsweise charismatischer Herrschaft weitgehend außer Acht bleiben. Nicht zuletzt deshalb haben wohl alle nicht-nordkoreanischen Historiker und Politikwissenschaftler diese Theorie längst ad acta gelegt. Doch bietet sie die praktische Möglichkeit, sämtliche Parteien und Regierungsformen, die dem Kapitalismus nützen und damit dem Kommunismus schaden, als faschistisch anzusehen.

Das ist insofern großartig, als vergangenheitsbewußte Linksdogmatiker quasi jeden und alles in diesem Land des Faschismus zeihen können, von den erwiesenermaßen nicht-kommunistischen Atomkonzernen bis hin zur post-Bad Godesberg-SPD.

Bezeichnend, daß selbst ein überzeugt roter Gesell wie Mathias Brodkorb ins Fadenkreuz der antifaschistischen Gesinnungs-Gestapo geraten ist. Genosse Brodkorb, seines Zeichens Philosoph und SPD-Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern, hat trotz festem Linksfundament einen eminent klaren Kopf sowie eine geradezu erschütternd aufrichtige demokratische Gesinnung. In der Vergangenheit scheute er sich keineswegs, auch den eigenen Haufen einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, etwa hier oder hier. Als ob das noch nicht genug wäre, behauptete Brodkorb wiederholt, die Rechte gehöre zur Demokratie wie die Linke, und nicht jeder rechts der CDU sei ein Nazi-Untermensch. Schließlich wagte er gar anzudeuten, daß es nicht nur einen Extremismus rechts der Mitte, sondern auch einen Extremismus links davon gäbe!

Damit war das Maß voll. Weil jeder weiß, daß es sich bei der RAF lediglich um rebellische Pfarrerskinder und wohlmeinende Friedensfreunde handelte, ließ die Behauptung, es existiere so etwas wie ein Linksextremismus, die Gerechten unseres Landes aufheulen. Die Mühlen der Inquisition begannen zu mahlen, und Brodkorb wurde zum Angeklagten eines bizarren Ferntribunals, das der verhinderte Gerichtsreporter Martin Lichtmesz in einem herrlichen Artikel kommentiert hat. Diesen sich zu Gemüte zu führen sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

Keine Linksextremisten: Die Fraktion der Friedensfreundepartei im Stadtrat Stuttgart-Stammheim (Wahlkampfplakat von 1986). Rechts unten übrigens Inge Viett, die aktiv über Wege zum Kommunismus nachdenkt und dazu auf Veranstaltungen auftritt, die auch Gesine Lötzsch gerne besucht*

Das Beispiel Brodkorb illustriert auf schaurige Weise, wie es auf seiten der dogmatischen Linken um das Demokratieverständnis bestellt ist. Nach der eindrucksvollen intellektuellen Selbstdemontage eines Miro Jennerjahn sowie dem hier und hier nun ausführlich kommentierten Kölner Frühstückseinnahmeverbot für Burschenschafter müssen wir wohl auch die Grünen zu diesem dogmatischen Flügel, zu den Friedensfreunden zählen.

Gut also, daß nicht alle Linken Philosophen (~“Weisheitsliebende“) sind wie Brodkorb! Die Pickelhaube könnten wir dann nämlich dichtmachen.

Ganz undogmatisch

Ewald Knülle, 21. 4. 2011

* Siehe dazu diesen Artikel

Nachtrag 23. 4. 2011: Ich fühle mich deswegen jetzt ein wenig schmutzig, aber Mathias Brodkorb ist schlicht und einfach jemand, den ich aufrichtig bewundere.

Bilder: wikimedia commons

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