Campusgrüne Kunstekstase

Neben der politischen Publizistik hat auch das Feuilleton seinen festen Platz in der Pickelhaube. Für die Kunstfreunde unter unseren Lesern befaßten wir uns in der Vergangenheit bereits mit klassischen Werken antifaschistischer Malerei und Dichtkunst. Gestern schließlich stießen wir auf eine philosophisch-literarische Jahrhundertsensation: Das Sprachkunstwerk eines campusgrünen Argumentationskontorsionisten. Eine Kunstkritik von Ewald Knülle

Kunstvoll verschlungen: Campusgrüne Sprachphilosophie. Rechts und links zwei Männer im antifaschistischen Abwehrkampf

Mit dem Anbrechen der Moderne begann bekanntlich die Kunst als feinstfühliger Seismograph jedweder menschlichen Befindlichkeit, an vormals unumstößlichen Grundannahmen zu rütteln. Man verwies nun auf die fundamentale Subjektivität der menschlichen Wahrnehmung, das Konstrukthafte jeglicher Erkenntnis und stellte die Willensfreiheit menschlichen Denkens und Handelns radikal in Frage.

In dieser Tradition ist nun aus den Reihen der Kölner Campusgrünen, die schon immer bereit und in der Lage waren, jegliche Rationalität grundlegend zu dekonstruieren, ein Meisterwerk von unübertroffener Vielschichtigkeit hervorgegangen. Nirgends – dies muß ich als profunder Kenner antifaschistischen Kulturschaffens hervorheben – haben sich künstlerisches Genie sowie geballte Geistesmacht des Grünentums in derartiger Vollendung manifestiert wie in folgendem Sprachkunstwerk:

Wir erleben eine paradoxe Entwicklung: […] Niemand kann die Großmächte militärisch bedrohen – außer sie bedrohen sich gegenseitig – aber sie rüsten um die Wette.

Halten wir angesichts dieser zwei Zeilen konzentrierter axiomatischer Inkonsistenz unsere Ekstase vorerst noch im Zaum und beginnen die Interpretation des Werkes mit einer Analyse seines Grundaufbaus. Erst beim zweiten oder dritten Lesen nämlich erschließen sich dem Kunstfreund Konzept und Komposition der Passage: Es handelt sich gewissermaßen um ein selbstreferentielles System geradezu gordisch ineinander verknoteter Paradoxa, die jeweils aus sich heraus jene Voraussetzungen erst erzeugen, deren Folge sie sind. Zum besseren Verständnis sollte sich für unsere weniger kunstaffinen Leser eine etwas ausführlichere Paraphrase lohnen:

Die Großmächte haben nicht den geringsten Grund, ein starkes Militär zu unterhalten, denn es kann ihnen ja niemand gefährlich werden, da sie ein starkes Militär unterhalten. Einzig andere Großmächte kämen als Gefahr in Frage, da diese ebenfalls ein starkes Militär unterhalten, obwohl sie das nicht müßten, weil niemand ihnen gefährlich werden kann, da sie ein starkes Militär unterhalten.

Der Künstler hat nichts weniger geschaffen als ein geistiges perpetuum mobile auf kleinstem Raum, denn das Zusammenspiel aus sich selbst stets neu generierender Ursache und Wirkung läßt sich ad infinitum fortsetzen. Man staune über die intellektuelle Energie, derer es bedarf, ein derart komplexes Gedankenfeuerwerk in zwei Zeilen zu komprimieren.

Beeindruckend überdies der spielerische Umgang mit den wohl wirkmächtigsten Konzepten abendländischer Philosophiegeschichte: In kreativer Anverwandlung des dialektischen Materialismus hat der Künstler gewissermaßen den von Marx an Hegel vollzogenen Prozeß umgekehrt und formale Logik wie gesunden Menschenverstand von den Füßen auf den Kopf gestellt. Ferner läßt die implizite Botschaft, Ursache und Wirkung seien konzeptuell überhaupt nicht voneinander abzugrenzen, sondern in einem stets fortschreitenden dialektischen Prozeß untrennbar miteinander verwoben, auf eine Fundamentalkritik am kosmologischen Gottesbeweis schließen.

Angesichts all dessen ist unzweifelhaft, daß sich noch Generationen an Kunstgeschichtlern, Philosophen, Theologen und Literaturwissenschaftlern mit  dem Jahrhundertwerk befassen werden. Unendlich vielschichtig erscheinen die möglichen Interpretationsebenen – das campusgrüne Kunsterzeugnis provoziert mit äußerster Dringlichkeit tiefschürfende Grundfragen an unsere Existenz, unser Geistesleben:

Wer sind wir, und warum empfinden wir einander als Bedrohung? Was eigentlich ist Sinn, was Ursache, was Wirkung? Muß Sprache Sinn enthalten? Oder sollte man sie vielmehr ihrer Funktion als Informationsträger gänzlich entkleiden? Und: Werden rationales Denken und logisch schlüssige Argumentationsweise nicht von Grund auf überschätzt?

Die oben vorgestellte sprachphilosophische Delikatesse zu genießen und den genannten Fragen nachzugehen sei jedem unserer Leser hiermit nahegelegt. Zu schade, daß der Künstler selbst anonym geblieben ist. Doch als Hort von Hochkultur und Geistesleben gibt es ja die Campusgrünen: Deren Neigung zu kritisch-analytischem Freidenkertum ganz jenseits vorgefertigter Dogmen wird eindrucksvoll durch ihre Rezeption des Kommunistischen Manifests dokumentiert, und sie verdienen für ihre Bereitstellung des Jahrhundertwerks den euphorischen Dank aller Kunstfreunde.

In ekstatischer Verzückung

Ewald Knülle, 23. 4. 2011

Bild: Der gordische Knoten (Mark Sellers, fineartamerica.com)

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