Von der Nichtexistenz des Linksextremismus

Aus aktuellem Anlaß warf die Journaille der Pickelhaube einen genaueren Blick auf die Kölner Campusgrünen. Dort ist man unverkrampft marxismus- und revolutionsaffin.  Was aber total dufte ist, denn, wie wir erfahren konnten: Einen Linksextremismus gibt es gar nicht. Von Ewald Knülle

Das ist keineswegs Linksextremismus: Christian Klar stellt lediglich seine neue Frisur vor. Seine Fans setzen sich für mehr demokratische Partizipation ein

Es ist an sich ja schon erstaunlich: Eine Hochschulgruppe, die nebst völlig gesellschaftsfähigem Nazistoppen und Castor-Schottern mannigfach mit Linksradikalen und -extremisten kooperiert; auf deren Netzseite das kommunistische Manifest als Ausdruck „tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“ bezeichnet wird und der Aufruf erfolgt, an der Seite von Hausbesetzern gegen die Staatsmacht zu kämpfen;  eine solche Hochschulgruppe also behauptet allen Ernstes, sich für „mehr demokratische Partizipation“ einzusetzen.

Jetzt würde man einwenden, daß etwa die Bestrebungen zur Endlösung der Burschifrage mit Demokratie nichts, aber auch rein gar nichts zu tun haben, daß vielmehr die Campusgrünen (die inzwischen mit dem Großen Vorsitzenden Jonas Thiele den AStA-Oberzampano stellen) sich nah an der Grenze zum Linksextremismus oder gar jenseits davon befinden. So zumindest denkt der tumbe, von Springer verhetzte Pickelhauben-Schmierfink.

Falsch gedacht. Die Grünlinge können dem Linksextremismus nicht anheimfallen, denn: Den Linksextremismus gibt es überhaupt nicht. So nämlich erklärt uns Cedric Waßer von den Campusgrünen.

Faschistische Extremismustheorie

Falsch: Die faschistische Extremismustheorie von E. Jesse und U. Backes

Der Gute hat offensichtlich, wie es sich für ambitionierte Junglinke gehört, seinen Habermas gelesen und sucht den Meister an  semantisch-syntaktischem Exzess noch zu übertreffen. Im Rahmen eines schier unlesbaren, weil in maximalstpompöser Linksintellektoiden-Diktion vor sich hin metastasierenden Begriffsgeschwulsts wiederkäut er jene Kritik an der Extremismustheorie, die anderswo schon deutlich geschickter und eingängiger formuliert wurde.

Einige Kernpunkte der Waßerschen Kritik:

1. Der Extremismusbegriff ist unterkomplex und setzt sämtliche mit ihm belegten Gruppen einander gleich  (dies zu formulieren benötigt Waßer mehrere Anläufe und ca. 180 Wörter). Ein Nachweis wird, wie üblich, nicht erbracht. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

2. Der Extremismusbegriff führt also dazu, daß sämtliche oppositionellen Gruppen vom Verfassungsschutz als Extremisten eingestuft und beobachtet werden müßten. Wiederum von Waßer unendlich wortreich vorgebracht, ist dieser Einwand genauso inhaltsleer wie der unter 1. genannte. Denn wie die obige Grafik dem Sehenden zeigt, gibt es im Rahmen der Extremismustheorie durchaus auch den Begriff des Radikalismus. Dieser bezeichnet Gruppierungen, die zwar die Gesellschaftsordnung grundlegend ändern wollen, dabei aber noch Teil des demokratischen Konsenses sind. Wer sehen kann, ist klar im Vorteil.

Oder ist für Waßer eine anständige Opposition nur jene, die mit dem Begriff Radikalismus nicht mehr zu erfassen wäre, weil sie die „so genannte“ freiheitlich-demokratische Grundordnung fundamental ablehnt? In diesem Fall erübrigt sich ein weiterer Kommentar.

4. Der Extremismusbegriff verschleiert „die Existenz und Konsensfähigkeit zahlreicher Versatzstücke nationalsozialistischer oder deutschnationalistischer Ideologie“ in konservativen Strömungen und der „gesamtgesellschaftlichen ‚Mitte‘.“ Dieser Vorwurf ist in gleich mehrfacher Hinsicht eine geballte Ladung Schwachsinn.

Erstens: Extremismus ist eine politische, keine soziale Kategorie. Wenn Angehörige einer sozialen Mittelschicht sich Adolf Hitler herträumen, dann gehören sie im Rahmen der politikwissenschaftlichen Extremismustheorie  nicht zur Mitte. Offenbar hat Cedric Waßer im SW-Grundkurs ein paar Dinge nicht verstanden. Wer denken kann, ist klar im Vorteil.

Zweitens: Wer glaubt, daß Elemente von Nationalsozialismus oder Nationalismus in der  sozialen Mitte weitverbreitet wären, zählt wohl das Schwenken der Fahne bei der Fußball-WM dazu. Zur Angstphantasie, Deutschland wäre von rechtem Gedankengut unterwandert (Himmel hilf!), schreibt der sprachgewaltige Nicht-Linke Michael Klonovsky: Eine Gesellschaft, die an der Spitze ihrer Werteordnung die soziale Frage, den Antifaschismus, den Kampf „gegen rechts“, die Nivellierung der Bildungseliten und die Emanzipation jeder sogenannten Minderheit stellt, kann schwerlich anders als links genannt werden.

Der nun folgende Einwand macht endgültig klar, worum es Cedric Waßer bei seiner Kritik am Extremismusbegriff eigentlich geht:

5. Der Extremismusbegriff ist ein politisches Kampfinstrument. Er dient dazu, „Antifaschist_innen, Linksautonome, Umweltaktivist_innen oder emanzipatorische Kulturprojekte“ zu delegitimieren. Nun, diese würden nur dann betroffen sein, wenn sie grundgesetzfeindlich sind, was Cedric Waßer offenbar stillschweigend voraussetzt. Wieso sollte er sonst klagen? Der politischen Ordnung der BRD will er  keine Verteidigungsmittel zugestehen. Scheinbar bevorzugt er emanzipatorische Kulturprojekte wie die von Christian Klar, der sich für mehr demokratische Partizipation einsetzt. Natürlich – das versteht sich ja von selbst – sollen diese Projekte mit Staatsknete finanziert werden, wie Waßer deutlich macht. Das also ist des Pudels Kern: Was dem linken, ja, Extremismus schadet und ihm seine Fördermittel entzieht, das muß einfach falsch sein!

Um dies zu bekräftigen, kommt dann auch die in Deutschland so beliebte Nazikeule zum Einsatz:

6. Der Mit-Urheber der Extremismustheorie Eckhard Jesse, „der nicht müde wird vor heraufdämmernden ‚Linksextremismus‘ zu warnen“, unterhält „Kontakte“ zu „Protagonist_innen der Neuen Rechten“, „was als außerwissenschaftliche Motivation solche Begriffsverwendungensaspirationen plausibel macht.“ Aha. Toll formuliert. Was eine außerwissenschaftliche Motivation solcher Verschwörungstheorieaspirationen plausibel macht, ist die nicht ganz neutrale Ausrichtung der Urheberin jener Nazikontakteschelte, der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff. Wie ernst dieser Haufen zu nehmen ist, sei dahingestellt.

Wie ernst Cedric Waßer zu nehmen ist, wird mittlerweile jeder Leser begriffen haben, der sich wider Erwarten bis hier unten durchgequält hat. Noch manches mehr findet sich in Waßers Kampftraktat, soll aber hier nur noch angerissen werden: Gleich anderen mäßig einsichtsfähigen Anti-Rechts-Berserkern wendet sich Waßer gegen jeden Extremismus-begriff und kommt dabei nicht umhin, von „Rechtsextremismus“ zu sprechen, den er pauschal der Mitte der Gesellschaft unterstellt, die es gleichzeitig eigentlich gar nicht gibt. Für weitere Exegese seines unerträglich prätentiösen, so wortreichen wie sinn- und strukturfreien Salbadermonstrums fehlt mir an dieser Stelle die Energie.

Stattdessen habe ich zur Zusammenfassung einmal versucht, eine Gesamtüberblick der Waßerschen Gesellschaftstheorie grafisch darzubieten. Man schaue und staune.

Waßers Gesellschaft

Richtig: Die Gesellschaftstheorie nach C. Waßer

Mittlerweile ist es tiefste Nacht geworden. Wer schlafen kann, ist klar im Vorteil.

Müde

Ewald Knülle, 25. 4. 2011

Anmerkung vor dem Einpennen: Eine pointierte, detailliert ausgearbeitete ‚Kritik der Kritik‘ am Extremismusbegriff gibt es hier. Cedric Waßer würden die Tränen kommen.

Bilder: c2.ac-images.myspacecdn.com; npd-blog.info; pickelhaube.wordpress.com

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Eine Antwort zu Von der Nichtexistenz des Linksextremismus

  1. fnord schreibt:

    „Zeit der Einfalt“ an der Uni Köln – dann hat sich ja seit meinem Abgang vor ein paar Jahren nichts geändert. Damals wie heute: O PhilFak, Du nicht versiegenwollender Quell selbstbesoffener Schwachköpfe…

    „Ich habe verstanden, was für ein gewichtiges Argument für einen Intellektuellen eine gewöhnliche Kopfnuß ist.“

    Warlam Schalamow

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