Die Religion – unser Rettungsanker

Zermürbt bereits von Müßiggang und Lotterleben, sieht sich der Kölner Bummelstudent von heute einer nicht endenwollenden Papierflut antifaschistischer Propaganda entgegen: Schier unerschöpflich ist der publizistische Impetus derer, die eine bessere Welt schaffen wollen und den dazu passenden Menschen gleich mit. Salonfähig ist diese Weltrevolution der Wohlstandskinder allemal, finanzielle Unterstützung gibt’s vom AStA. Doch dem sich konservativ wähnenden Exoten bleibt ein Rückzugsort: Die Religion! Von Ewald Knülle

Religion anno dazumal: Germanischer Schlechtwetterspezialist im interkulturellen Dialog mit Thursinnen und Thursen

Dabei ist, was konservative Leser nun erzürnen mag, keineswegs das Christentum gemeint. Zwar hat diese als obskure jüdische Sekte entstandene Glaubensgemeinschaft es seit der konstantinischen Wende zu beachtlichen Errungenschaften gebracht: Überaus erfolgreich wurden Hexen, Ketzer und Ungläubige aller Art mit Streckbank, Schwert und Scheiterhaufen von der Verwerflichkeit ihrer Auffassungen überzeugt. Die unbedingte Konsequenz, die strikte Regeltreue und der Glaubenseifer, die zu solchem Vorgehen nötig sind, kann man nur bewundern.

Mit dem Einsetzen der Postmoderne jedoch – samt Dekonstruktion aller Meistererzählungen sowie Vergötterung der Beliebigkeit – ist die hiesige Kirche ihrer einstigen Prinzipientreue verlustig gegangen und schrittweise zu einer Art linksintellektuellem Bioladen für Seelenwellness-Dienstleistungen verkommen, was den aphorismusfreudigen Wörterschmied Michael Klonovsky zu folgendem Ausspruch veranlaßte: „Wenn man ein paar Seiten Habermas über Nacht in Zuckerwasser legt, erhält man am Morgen eine Käßmannsche Predigt.“ In Übersee dagegen hält man durchaus noch an unbedingter Demut gegenüber Gott, an der wortgetreuen Auslegung des Buchs der Bücher fest. Doch hat man sich allzusehr von Kernkompetenzen wie heiligem Krieg, Hexenprobe und Teufelsaustreibung entfernt und beschreitet stattdessen im tapferen Abwehrkampf gegen Homosexualität, Urknall, Plattentektonik und Evolutionstheorie solch intellektuelle Sackgassen wie Intelligent Design und Ex-gay-movement.

Da man überdies auch hierzulande intellektuelle und sozialpolitische Sackgassen beschreitet – wie  etwa Feminismus,  Egalitarismus und Hurra-Multikulturalismus – muß der noch nicht gänzlich durchgegenderte bundesrepublikanische Jungmann spirituell entleert zurückbleiben.  Was kann da noch helfen? Ganz klar: Die Rückbesinnung auf die Religion der Urahnen, auf das germanische Heidentum.

Dabei wäre es verfehlt, wie die sog. Neopaganisten in ungehemmtem Eklektizismus sich schlichtweg jene Elemente herauszupicken, die einem gerade passen – die geistesgeschichtlichen Grundlagen der altgermanischen  Religion(en) sind völlig andere, und eine antike/frühmittelalterliche Glaubensvorstellung bzw. Weltdeutung läßt sich nicht mal eben ins 21. Jahrhundert verfrachten. Man wird daher mit Lektüre und Reflexion, kaum aber mit Glaubensinbrunst und Kultvollzug an die Götterwelt der Alten sich begeben wollen.

Doch selbst die rein intellektuelle Annäherung birgt unendliche Freuden: Ein so dermaßen politisch nicht-korrektes, nicht-feministisches, antipazifistisches Volk von Fleischfressern, Säufern und Dreinschlägern wie die Germanen könnte man sich kaum deftiger wünschen: Auseinandersetzungen klärt man prinzipiell gerne mit Faust oder Streitaxt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird jemand aufgehängt, erschlagen und/oder im Moor versenkt. Selbstjustiz, Altentötung, teils auch Gastprostitution sind gang und gebe, beim fröhlichen Völkerwandern liest man den richtigen Weg aus dem Blut geopferter Gefangener. Und das Beste: Atomkraftgegner waren die Germanen auch nicht!* Ihre Götterwelt fällt entsprechend aus.

Dieser Mann war kein Pazifist. Ein Feminist und Atomkraft-gegner wohl auch nicht

Der höchste Gott der Germanen ist eine Verkörperung der Kampfekstase, des Haders und der Unrast, ein Gott der Kriegstoten und der sie unter den Lebenden repräsentierenden Männerbünde. Er ist Krieger, Mörder, Eidbrecher und Vergewaltiger, ein einäugiger Lustgreis und unsteter Wanderer, der Zwietracht und Leid unter die Menschen bringt. Zu seinen Gefährten im germanischen Pantheon zählt ein psychotischer Lausbube, dessen Streiche auch mal mit dem Tod des Opfers enden, sowie ein jähzorniger Polterer und Kraftmeier, der gewaltige Mengen Bier säuft und im Wutrausch seinen Hammer wirft, daß es nur so donnert. Es handelt sich also um Gestalten, die geradezu dem schlimmsten Alptraum eines/r Feminist_In oder Friedensaktivist_In hätten entspringen können. Die einzige auch nur einigermaßen gesittete Gottheit auf den höheren Positionen des germanischen Pantheons ist wiederum ein Kriegsgott, der seine vordem erste Position zugunsten des obig erwähnten Unruhestifters hat aufgeben müssen. Da er zu einem gegebenen Versprechen stand, verlor er per Wolfsbiss seine rechte Schwurhand, worüber sich, bezeichnenderweise, die anderen Götter herrlich amüsierten.

In die erlauchte Gesellschaft dieser Prachtgestalten gerät ein tüchtiger Germane in aller Regel dann, wenn er auf anständige Weise sein Leben läßt, also wenn er etwa bei dem ehrenwerten Versuch, jemand anderem seine Axt in die Stirn zu hacken, dessen Dolch in den Wanst bekommt. Ersatzweise tut’s auch die Speermerkung – also das Einritzen der Haut mit der Waffe Odins auf dem Totenbett – besser ist aber, wenn man in einem zünftigen Gefecht ins Gras beißt.

Dann nämlich wird man von einer drallen Geistermagd geholt und in ein wahres Paradies entführt: In einer goldgedeckten Heldenhalle gibt es, im Anschluß an die täglich obligatorische Prügelorgie, Saufen (Met) und Fressen (Fleisch) frei Haus. Der Met stammt von Zauberziege Heidrun, das Fleisch von Wunderschwein Särimnir, das jeden Tag erneut getötet und gegessen, danach zum Leben erweckt und wieder eingesperrt wird – eine Vorstellung, die beim Tierschützer Zornestränen, beim Veganer Brechreiz verursachen muß: Artgerechte Tierhaltung und vollwertige, CO2-bewußte Ernährung sehen anders aus. Absolut großartig also!

Täglich auf der Sonnenbank: Särimnir, das Wunderschwein

Doch diese Party der Einherier, der ehrenvoll Gefallenen, kann nicht ewig dauern. Denn unentwegt nagt der leichenfressende Drache Nidhögger an den Wurzeln des Weltenbaumes, derweil Ratatösk, das bösartige Eichhörnchen,  mit schriller Stimme schimpft und zetert. Unausweichlich ist der Weltenbrand. Das weiß auch Allvater Odin: Letztendlich wird er und werden die Einherier mit ihm den Thursen unterliegen.

Künder des Untergangs: Ratatösk, das bösartige Eichhörnchen

Immerhin steht nach dem Untergang die Wiedergeburt. Wird es auch bei uns, in der wenig mythenreichen BRD, eine Wiedergeburt des Allvaters und seiner Kinder, des Germanenglaubens geben? Wir von der Pickelhaube sind da lediglich vorsichtig optimistisch, legen unseren Lesern aber die Beschäftigung mit den rauflustigen Metfreunden nahe, allein der sprachlichen Schönheit wegen: Grundlagenforschungen und Übersetzungen wie die von Karl Simrock wurden im 19. Jahrhundert vorgenommen, in einer Zeit also, als man die deutsche Sprache noch beherrschte und Axolotl Roadkill einer fernen Zukunft angehörte. Auf diesem ehrwürdig alten Fundament beruhen auch heutige Darstellungen zur germanischen Religion, was sich sprachlich durchaus bemerkbar macht. So liest man denn in einer jüngeren Prosafassung ausgewählter Sagen folgenden Absatz, wie ihn in seiner vollkommenen Schönheit heute kaum ein Schreiberling mehr hinbekommen würde:

Die Jäger rufen [den Winter- und Jagdgott Ull] folgendermaßen an, wenn sie sich zum frohen Jagen rüsten: „Ull, ferntreffender Gott, laß uns nicht fehlen die Fährte des flüchtigen Wilds! Schärf uns das Auge, richte uns die Hand und beflügle den hurtigen Fuß! Der Pfeil, der der Sehne entschwirrt, bohre ins Herz sich dem eilenden Pelztier oder dem Aar und dem Eber des Waldes! Erhöre den Ruf deiner Getreuen und gib ihnen reichliches Jagdglück!“                                                                                                             (Hube 1996, 25)

Welch Meisterwerk der Wortkunst! Sehnsüchtig wünscht man sich in vergangene Jahrhunderte. Doch sei angemerkt, daß Hoffnung für ein erneutes Aufblühen der deutschen Sprache und des altgermanischen Kulturguts auch heute noch besteht, und zwar an unvermuteter Stelle: Mit der Philtrat-AutorIn Julia Groth ist eine junge Dichterfürstin ins Licht der universitären Öffentlichkeit getreten, die in einzigartiger Anverwandlung ihres germanischen Erbes eine wohl niemals zuvor geleistete poetische Großtat erwirkt hat: In Form ihres Monoverbalstabreimes TierrechtlerInnentiraden bringt sie, man halte sich fest, Grundüberzeugungen der gegenwärtigen Tierschutz- und Frauenrechts-bewegung in altgermanischem Versmaß zum Ausdruck.

Wer angesichts solcher Zeichen und Wunder nicht mehr an eine ‚germanische Renaissance‘ glauben will, den möge Nidhögger fressen. Also ran an unser Erbe, auf das die Religion der Rettungsanker werde! Unten sind ein paar Literaturhinweise.

Ewald Knülle, 6. 5. 2011

*Anmerkung: Da fast sämtliche Quellen zu den Germanen und ihrem Glauben aus späterer Zeit, nämlich aus der Hand christlicher Schriftsteller des Mittelalters stammen, wird man mit Generalisierungen zu „der“ germanischen Götterwelt  – wie sie in diesem Artikel durchaus erfolgen – sehr vorsichtig sein müssen. Bei Tacitus etwa werden Merkur und Herkules erwähnt, was die später (im Frühmittelalter) so verbreiteten Gottheiten Odin und Thor bezeichnen mag. Tuisto und Nerthus hingegen sind in anderen Quellen nicht vertreten, was aber nicht heißen muß, daß sie unbedeutend gewesen wären. Insofern läßt sich auch nicht mit Sicherheit sagen, ob alle Germanen zu allen Zeiten Befürworter der Atomkraft waren; da es bei Tacitus, Snorri und anderen keine Hinweise auf Castorblockaden u. ä. gibt, handelt es sich eher um ein argumentum e silentio.

Literaturempfehlung:

Grundy, Stephan, Rheingold, Frankfurt a. M. 1992 (Roman; dem Zeitgeschmack fast nicht angepaßte Synthese verschiedener – deutscher und skandinavischer – Sagen um das Rheingold)

Hasenfratz, Hans-Peter, Die Germanen. Religion, Magie, Kult, Mythus, Erftstadt 2007 (Sachbuch; sehr gut zu lesende Kurzdarstellung)

Hube, Hans-Jürgen, Altnordische Götter- und Heldensagen, Frankfurt a. M./Leipzig 1996 (Prosanacherzählung der Edda und anderer Dichtungen, in wunderbar altertümelnder Sprache)

Tacitus, Germania, Ditzingen 1986 (Gut kommentierte und erschwingliche Reclam-Ausgabe, herrlich kitschige Verbrämung der Germanen als edle Wilde im Kontrast zu den dekadenten Welschen)

Bilder: wikimedia commons; dpa

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