Das Böse verliert sein Gesicht – ein Nachruf auf Osama Bin Laden

„Gott strafe die Ungläubigen!“ Die sonst so sanften Augen des Scheiks funkelten grimmig im flackernden Schein des Lagerfeuers. Von unserem Lagerplatz aus konnten wir in der Ferne die majestätischen Berge des Hindukusch erkennen, wo die Hirten in den einsamen Hochtälern ihre unendlich traurigen Lieder singen. Sie singen von der Not der einfachen Opiumbauern und der Habgier der Großgrundbesitzer, aber auch vom Heldenmut des unbesiegten Volkes der Paschtunen, die sich niemals fremden Okkupanten unterwerfen werden. Doch der Scheik achtete jetzt nicht darauf. Erregt wandte er sich mir zu: „Und ist es wirklich wahr, Markward Ben Nemsi, dass du ein Ungläubiger bleiben willst, welcher verächtlicher ist als ein Hund und widerlicher als ein Ratte, die nur Verfaultes frisst?“ „Ja“, sagte ich. 

Über die schneebedeckten Berge des Hindukusch am Horizont verläuft die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan.

                                                                 -Szenenwechsel-

02.05. 2011: Vor dem Weißen Haus bejubelten die Amerikaner den Tod Osama Bin Ladens,  im Kanzleramt zu Berlin brachte auch Dr. Merkel ihre Freude über die gelungene Tötung des Al Kaida – Führers zum Ausdruck. Ich aber muß mir und unseren Lesern eine klammheimliche Trauer eingestehen.

Nach Dr. No, Dr. Evil und Dr. Guttenberg ist nun einer der letzten großen Bösewichte von uns gegangen. An Stelle all der mächtigen Erzschufte, die in Berghöfen, Höhlen und Festungen hausten, filmschurkengleich nach der Weltherrschaft strebten und teuflische Pläne gegen die Menschheit ausheckten,  die aber zugleich auf eine zwar grausame, aber doch interessante Weise verrückt waren, erscheint jetzt nur noch ein namen- und gesichtsloses Heer von Technokraten, Bürokraten und Spekulanten als Vertretung des Bösen. Denn der kleine Mann in Deutschland wird durch Managementfehler und Wirtschaftskrisen weitaus mehr betroffen als durch irgendwelche anachronistischen, kalaschnikowbewehrten Turbanträger! Natürlich gibt es noch das organisierte Verbrechen und das „kleine Böse“: Primitivlinge, die in der U-Bahn auf einen am Boden liegenden Menschen eintreten. Aber große Schurken, deren Verbrechen eine wirkliche Überzeugung zugrundeliegt, werden immer seltener. Bin Laden und seine Leute waren wenigstens ambitioniert: sie wollten zwar nicht die Menschheit ausrotten und durch eine neue Superrasse ersetzen, aber immerhin strebten sie ein islamisches Großreich an‚ das von Indonesien bis nach Nordafrika reichen sollte.

Vom Aussterben bedroht: Bösewichte mit echten Doktortiteln, weitreichenden Ambitionen und fiesen Handschuhen.

Das Böse hat nun sein Gesicht verloren, also können wir es auch nicht fassen, mögen auch Popstars des Bösen, die Nazis, zum millionstenmal von interessierter Seite zur Herabwürdigung der jeweiligen Gegner und zur moralischen Selbsterhöhung instrumentalisiert werden. Nein, das Böse hat heute weder Schaftstiefel noch graumelierten Rauschebart. Sind aber die oben genannten Technokraten „böse“ im traditionellen Sinne? Vielleicht, aber sie sind bestimmt langweilig: Kennt jemand  Namen und Gesicht der größten Nahrungsmittelspekulanten? Es ist aber politische Infantilität, das Technokraten- und Spekulantentum entmachten zu wollen: wir selbst haben sie gewählt, ihnen unserer Geld anvertraut, wir sind darauf angewiesen, dass sie die verschiedenen Aspekte unseres Lebens verwalten.

Das Bestreben, das Technokraten- und Spekulantentum entmachten zu wollen, ist vollkommen sinnlos.

Für ganz Schlaue war natürlich schon Bin Laden selbst nur ein Teil des Systems: er sei von Anfang an ein Agent des amerikanischen Imperialismus (bitte nach Belieben einsetzen: CIA, Mossad, Bilderberger) gewesen. Die ganze Al-Kaida samt ihrem Führer sei vom militärisch-industriellen Komplexes der USA geschaffen worden, um die Beschneidung von Bürgerrechten zu legitimieren und damit die Rüstungsfirmen sich noch mehr bereichern konnten. Verwegene Verschwörungstheoretiker behaupteten gar, die Bush Regierung habe das World Trade Center selbst in die Luft sprengen lassen, um den Angriff auf den ölreichen Irak und andere Länder zu rechtfertigen, die auf der Speisekarte des amerikanischen Imperialismus standen.

War Osama Bin Laden in Wirklichkeit nur ein Agent des amerikanischen Imperialismus? Im Bild: Der Al-Kaida Führer mit dem ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (l.) und General Stanley McChrystal (r.).

 

 

 Ich selbst halte nicht viel von derartigen Behauptungen: Wenn er auch ein hinterhältiger Massenmörder war, so hat es Bin Laden doch nicht verdient, von Verschwörungstheoretikern zu einem bloßen Lakaien des US-Imperiums degradiert zu werden.

Markward von Annweiler, 07.05. 2011.

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