Toleranz für Anfänger (I)

‚Toleranz‘ ist ein schmuckvoller, wenngleich einigermaßen inflationär gebrauchter Begriff: Im Bildungswesen, bei Integrationsfragen oder insgesamt für Politik und Gesellschaft gilt die Toleranz als Schlüsselbegriff. Gerade auch die politische Linke sieht hier ihr ureigenes Betätigungsfeld; ein herausragendes Beispiel für gelebte Toleranz ist  die Grüne Hochschulgruppe der Uni Köln. Von Ewald Knülle

Fuxjagd an der Uni Köln: Finstere Burschenschafter_innen versuchen, unschuldige Student_innen zu verführen. Tolerant sein heißt, sich dagegen mit allen Mitteln zu wehren

Dabei wäre allerdings zu beachten, daß der bei den Campusgrünen vorherrschende Toleranzbegriff im Rahmen einer geradezu orwellsch anmutenden semantischen Volte ins Gegenteil verkehrt wurde. Wenn man diese Nebensächlichkeit mal außer Acht läßt, sind die Uni-Grünlinge in der Tat äußerst tolerantTM: Sie spezialisieren sich nämlich auf proletarische Bewußtseinsarbeit und das Drangsalieren von Andersdenkenden.

Ein Artikel von Fabian Kaske sowie die sich daran anschließende Diskussion bieten für  den grüngefärbten Toleranzbegriff wieder einmal bestes Anschauungsmaterial: Gegenstand des Artikels sind Student_innenverbindungen und Burschenschaften an der Uni Köln, jene „politisch zweifelhaft motivierten und patriarchal organisierten“ Verbrecherorganisationen, die perfide im Untergrund an der Verführung unschuldiger Student_innen zu reaktionärem bzw. nationalsozialistischem Gedankengut arbeiten.

Nun wird man ja, der Meinungsfreiheit sei Dank, den Campusgrünen nicht verübeln können, daß sie ihre politischen Gegner zum Kotzen finden. Ganz im Gegenteil, wir von der Pickelhaube möchten sie darin in jeder Hinsicht bestärken: Nur zu gerne würde ich Fabian Kaske und dem Großen AStA-Vorsitzenden Jonas Thiele dabei zusehen, wie sie ihr veganes Mittagessen aus fair gehandeltem Biogemüse auf das Pflaster des Albertus-Magnus-Platzes erbrechen.

Fabian Kaske findet Verbindungsstudenten zum Kotzen. Das finden wir großartig

Doch was seinerseits bei mir Brechreiz verursacht, ist das Ausmaß an Selbstgerechtigkeit, Dogmatismus und Intoleranz ToleranzTM, mit dem diese beiden Gralsritter der Gerechtigkeit vorgehen. Als nämlich sich auf Kaskes Artikel mehrere Verbindungsstudenten zu Wort meldeten – sehr höflich übrigens – verweigert Kaske mit dem Argument „Blödsinn“ jegliche Diskussion, während Thiele seine Ansicht folgendermaßen zusammenfaßt: Ich will mich hier auch nicht wirklich länger mit Menschen aus Verbindungen auseinandersetzen, da dieser Artikel nicht geschrieben wurde um in einen Dialog mit reaktionären Spinnern zu treten, sondern um Menschen die eventuell auf sich harmlos gebende Verbindungen hereinfallen aufzuklären. (Zeichensetzung und Rechtschreibung dieses und der folgenden Thiele-Zitate im Original).

Seine Sachargumente sind in jeder Hinsicht durchschlagend: Wie auch der bekannte Erzfaschist und Geschichtslegastheniker Hans-Ulrich Wehler sind nämlich Verbindungen der Auffassung, daß die Türkei nicht zu Europa gehöre, was  Jonas Thiele zufolge zeigt, „[d]as flächendeckend aus Geschichtsbüchern nicht gelernt wurde“.

Nun weiß ich natürlich nicht, aus welchen Geschichtsbüchern Thiele gelernt hat. Jedenfalls ist er ein großer Kenner  der Klio und ihrer Kunst. Aus der Tatsache, daß Nationen immer auch „Aggressionsmaschinen“ (Dieter Langewiesche) waren und Kriege geführt haben, schließt der Große Vorsitzende, die Nation sei grundsätzlich abzulehnen:

„Was soll an Nationen gut sein? Klar, es ist gut sich abgrenzen zu können, andere Gruppen zu kreieren und diese abzuwerten macht Spaß und irgendwelche Begründungen für Kriege müsen doch geschaffen werden…“

Jetzt könnte man darauf hinweisen, daß jeder Staat, überhaupt jedes Gemeinwesen zwangsläufig die Eigenen und damit auch die Anderen definieren muß – zur Identitätsbildung ebenso wie zur Steuereinziehung, zur Rechtsprechung oder zum Verteilen von Sozialleistungen. Das gilt für das deutsche Kaiserreich, für Zululand unter Shaka und für die heutige EU gleichermaßen.

Weiterhin könnte man dem Geschichtsdenker Thiele erklären, daß in Europa der Nationalstaat Voraussetzung für die Demokratie war, daß die französische Revolution auch einen klar nationalistischen Ansatz hatte, daß, in Abkehr vom absolutistischen Ständestaat, Nation und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz zusammengehörige Konzepte waren. Aber wie sollte man auf Anerkennung solcher Argumente hoffen, wenn man solch emanzipatorisch-progressiven Toleranzfaschisten wie Kaske und Thiele gegenübertritt, die grundsätzlich davon überzeugt sind, daß andere Meinungen nicht einmal diskussionswürdig, daß Verbindungsstudenten per se „reaktionäre Spinner“ sind?

Ich persönlich finde Fabian Kaske und Jonas Thiele zum Kotzen

Soviel sei gesagt: Daß jemand wie Jonas Thiele den AStA-Vorsitz innehat, daß Leute wie er und Kaske die zukünftige geistig-kulturelle Elite unseres Landes sind, finde ich schlicht und einfach zum Kotzen. Man kann es kaum besser zusammenfassen als der Diskutant T. Illing in Antwort auf Fabian Kaske: „Mit solch plumper Intoleranz gerade Toleranz einzufordern entzieht Ihnen jegliche Diskussionsgrundlage und -fähigkeit.“

Thiele und Kaske machen es deutlich: Die Campusgrünen haben  sehr viel Freude daran, „andere Gruppen zu kreieren und diese abzuwerten“, um es mit den Worten des Großen Vorsitzenden zu sagen.

Mageninhaltsentleert

Ewald Knülle, 15. 5. 2011

Bilder: ejumpcut.org; sharenator.com

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4 Antworten zu Toleranz für Anfänger (I)

  1. Dietmar schreibt:

    Hallo Herr Knülle,
    wieder vielen Dank für diesen schönen Beitrag, der die Dogmatik sowie die Hypocrisis der moralinsauren linksalternativen Gutmenschen entlarvt.
    Genau so habe ich es auch schon in vielen persönlichen Gesprächen erlebt, leider auch in meinem engeren Freundeskreis, der nun einmal historisch gewachsen ist. Es geht sogar so weit, dass ich mich bei bestimmten Themen bewusst bedeckt halte oder in die andere Ecke des Raumes gehe, um nicht wieder als Buhmann (oder im schlimmsten Fall als Nazi) dazustehen.
    Mich würde nun interessieren, ob in den Unis oder speziell bei Ihnen in Köln die Linksgrünen einfach nur das lauteste Getöse machen oder die entsprechenden Einstellungen auch wirklich die Mehrheit der gesamten Studentenschaft repräsentieren. Ich habe in meinem Umfeld nämlich festgestellt, dass es schon Personen gibt, die andere oder differenziertere Meinungen haben, jedoch sich einfach nicht trauen, gegen den linksgrünen Mainstream überhaupt den Mund aufzumachen.

    In diesem Zusammenhang würde mich auch interessieren, ob Ihr Blog von vielen Studenten gelesen wird.

    Zum Schluss noch ein Kompliment für Ihren wunderschönen Beitrag über „Kässmann Christentum“ und „germanisches Heidentum“ in der BN.

  2. immhoff schreibt:

    Hallo Genosse Dietmar,

    leider ist es nur eine kleine Minderheit der Kölner Student_innen, die sich progressivem Denken geöffnet haben und sich an emanzipatorischen Kulturprojekten wie der Hausbesetzung oder der Verschönerung von Burschenschaftshäuserfassaden per Farbbeutel beteiligen. Noch sind viel zu viele in neoliberalistischem und (proto)faschistischem Gedankengut gefangen; sie wollen lediglich studieren, lernen und – pfui! – Karriere machen, anstatt von der Uni aus die Welt von Patriarchat, Kapitalismus, Faschismus, Völkermord und Krieg zu befreien. Daher betreiben die Campusgrünen und andere, mit ihnen eng vernetzte Gruppierungen wie die „Sozialistische Alternative“ fleißige Bewußtseinsarbeit.

    Zum Glück sind die politisch denkenden Student_Innen hauptsächlich bei den progressiven Kräften zu finden. Wer wählt, wählt in der Regel links. So konnte Genosse Jonas Thiele den AStA-Vorsitz erringen. Es ist eben eine kleine proletarische Avantgarde, die die Weltrevolution vorantreiben muß, das wußte schon Lenin.

    Was unsere Leser_Innenzahl angeht, so ist sie derzeit eher bescheiden, an der ersten Millionen arbeiten wir aber bereits. Der Kampf geht weiter!

    Mit sozialistischem Gruß
    Ewald Knülle

    • Dietmar schreibt:

      Venceremos!

      • immhoff schreibt:

        Ach so, hinzuzufügen wäre noch, daß das Meinungsklima natürlich linksorientiert ist – zumindest in meinen Fächern – daß es aber auch intelligente und wirklich tolerante Linke gibt, mit denen man ganz normal diskutieren kann. Was die Dozenten angeht, die sind in aller Regel an Gewinn und Verbreitung von Erkenntnis interessiert, nicht an politischen Streitereien unter Studenten.

        Problem ist, daß eine radikale Minderheit mit ihrer Meinungsmache durchaus erfolgreich ist, die „Vollversammlungen“ der Studentenschaft deutlich dominiert und mit enormem Propagandaaufwand ihre Weltanschauung ansatzweise auch unter die nicht-radikalen Studenten trägt.

        Gruß
        E. K.

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