Volksmusikalisches Allerlei

Wenn der Eurovision Song Contest ein Indiz für den derzeitigen Stand der Populärmusik in Europa ist, dann kann man nur sagen: Gute Nacht, Abendland. Was ist nur aus der guten alten Volksmusik geworden? Unsere Nachbarn, so zeigt eine 10minütige youtube-Recherche, haben immerhin noch eine lebendige Tradition. Eine kleine kommentierte Linksammlung von Ewald Knülle

Heutzutage hat es die deutsche Volksmusik schwer, bei einer breiten Öffentlichkeit für Begeisterung zu sorgen. Früher war das anders, wie diese Aufnahme zeigt

In einem recht lesenswerten Artikel hat Alexander Schleyer bei der Blauen Narzisse auf einige Wesensunterschiede zwischen deutscher Volksmusik und US-amerikanischem Country hingewiesen. In der Tat wird man nicht abstreiten können, daß die Amis etwa mit Hank III oder Tim Eriksen absolut grandiose neo-traditionalistische Musiker hervorbringen, während beim Musikantenstadl die Alternative recht traurig ausschaut.

Hanks musikalische Huldigung an einen legendären Steptänzer und seine Familie ist allerfeinster Neo-Hillbilly-Country, ganz zu schweigen von seinem Loblied auf synthetische Muntermacher. Eriksens Spontankonzert in einem polnischen Zug oder seine einsamen  Gitarrensessions dagegen bieten traditionelle christliche Musik der Appalachenregion.

Was politische Korrektheiten angeht, so ist man in deren Heimatland  im Bereich der Volksmusik nicht allzu streng. Anders ist es nicht zu erklären, daß der erwiesenermaßen nicht-rassistische musicomedian David Allan Coe gemeinsam mit einem schwarzen Schlagzeuger ein Lied aufnahm, das die mit Abstand schlimmsten Schimpfwörter der englischen Sprache enthält; wer saftige Wortwahl aushalten kann und gerne einen Lachanfall erleiden möchte, der möge hierhin klicken.

Musikantenstadl in den USA: Hansi Hinterseer sieht anders aus

Doch auch in Europa gibt es eine reiche (neo)volksmusikalische Tradition. Da wären zunächst die Kelten im Nordwesten: Wer einmal in Irland war, weiß, daß es dort noch eine lebendige Gesangskultur gibt. Gerne singt man Lieder vom Widerstand gegen die bösen Engländer, sei es in Erinnerung an 1798 (träumerisch-melancholisch), an 1916 (draufgängerisch-fröhlich) oder an die darauffolgende Zeit bis zum Anglo-Irischen Vertrag von 1921 (kämpferisch). Außerdem sind unpolitische Sauf- und Rauflieder sehr beliebt, hier eins mit dem wohl schönsten Text, der jemals von Besoffenen gegrölt wurde.

Auch bei den Skandinaviern wird man fündig. Die Norweger verzaubern mit Gesängen urwüchsiger Liebe zum eigenen Land, zu Berg, Wald und Fjord, sowie zur eigenen Sagenwelt – hier die Begegnung mit einem Nöck (Wassergeist), vom unnachahmlichen Theodor Kittelsen illustriert, von einer beliebten Volkssängerin interpretiert. Die Dänen frischen eine uralte Ballade auf; es ist die Geschichte eines Mannes, der im Traum Besuch von einem toten, rachedürstenden Verwandten erhält.

Weiter östlich begeistern die ebenfalls sehr musikalischen Finnen. Hinter einer erquicklichen Melodei mit dem gar lustigen Namen Säkkijärven Polkka verbirgt sich allerdings die Erinnerung an den schmerzlichen Verlust der Ortschaft Säkkijärvi an die Sowjetunion 1944.

Die akkordeonaffinen Russen bieten eine unendliche Fundgrube für das gepflegte Sauflied zwischen Frohsinn und träumerischer Melancholie. Zum Klassiker geworden ist der amoröse Gesang eines Bauchladenhändlers, der ein schönes Mädchen um eine Liebesnacht anfleht. Unvergessen auch das herrliche Kosakenlied – auf russischen Partys braucht man eigentlich gar keine Anlage, bei solchen Melodien, ein wenig Vodka vorausgesetzt. Die bezaubernde Pola Raksa schließlich machte sich mit ihrem Lied um Freundschaft in schweren Zeiten (in einer polnischen Fernsehserie, das Lied ist aber russisch) zum Kulturerbe Polens und Russlands gleichermaßen. Die holz- und blechbläserfreudigen Südslawen auf dem Balkan haben das Kunststück fertiggebracht, discotaugliche Humptata-Musik zu produzieren.

Den Spaniern gebührt das Verdienst [ja, das Verdienst, ich habe nachgesehen!], aus der Gitarre alles herauszuholen, was mit zehn Fingern und sechs Saiten möglich ist. Jahrelanges Üben kann einen gewöhnlichen Menschen in ein Flamenco-Hochkadenz-Maschinengewehr verwandeln, ein populäres Beispiel wäre Carlos Montoya.

Gerade auch die Türken – man mag sie nun als Europäer ansehen oder nicht – haben eine reiche volksmusikalische Tradition, die auch heute noch bereitwillig rezipiert wird; ob beschwingt (Sazli Sözlü, mit einem wirklich sehenswerten Musikvideo) oder eher meditativ (die nicht speziell türkische Sufi-Musik), an akustischer Traditionspflege sind die Türken den Deutschen unzweifelhaft weit überlegen.

Oder nicht? Auch wir haben unsere Traditionen, etwa wehmütige Heimatlieder; altbacken-patriotische Lieder zur Einheit aller (über die Sprache definierten) Deutschen; Landsknechtslieder, die wie in diesem Beispiel sehr eindrucksvoll das ideenlose Draufgängertum, die einzige Konstante (Unsicherheit) und den einzig vorhandenen Halt (die Gemeinschaft der Männer in Waffen) nachempfinden lassen; schließlich Lieder des Lebens in schwerer Zeit aus früheren und späteren Jahrhunderten, jiddische Lieder nicht zu vergessen (die übrigens nicht gerade für jüdischen Reichtum durch Wucherzins sprechen). Auch gibt es zahlreiche Zeugnisse sozialistischer Sangeskunst. Aber wer singt heute noch bei den Deutschen, von Linkspartei und Campusgrünen mit ihrer Internationale abgesehen?

Immerhin: Solange es youtube gibt, wird man sich auch vom heimischen Sessel aus mit altem Liedgut befassen können. Europa – schon immer von Vielfalt und Ideenwettstreit, nicht von Gleichheit und Einheitsmeinung geprägt – hat da einiges zu bieten.

Auch können wir nach der nächsten Bundestagswahl vielleicht mit einer neuen Nationalhymne und damit einem zumindest zeitweiligen Aufblühen des Amateur-sangestums rechnen.

Erleichtert

Ewald Knülle, 15. 5. 2011

Bilder: hnldesign.nl; loyalkng.com

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