Gitarrengott, erhöre mich

Als menschgewordenes Zerfallsprodukt der Postmoderne bin ich eigentlich nicht sonderlich religiös. Doch ein Zufallsfund bei youtube schenkte mir den Glauben wieder: Der Göttergitarrist Manitas de Plata – lange noch möge er auf Erden weilen – ist vom Olymp herabgestiegen, uns Sterbliche zu verzücken. Ein Glaubensbekenntnis von Ewald Knülle

Was für ein Anblick, was für ein Ohrenschmaus! In den Händen des Gitarrengottes verwandelt eine alte, abgegriffene Gitarre binnen Sekunden sich zum tönespeienden Flamenco-Maschinengewehr. Mit nichts mehr als zwei Händen, zehn Fingern und sechs Nylonsaiten entfesselt der Maestro ein musikalisches Stahlgewitter aus rasgueado und falseta, ein unfaßbares Improvisations-Inferno, das den Zuschauern noch Wochen in den Ohren klingeln wird, ein dichtes Trommelfeuer der Tonarten, wie es seit Sabicas und Montoya kein Arpeggien-Artillerist mehr abzufeuern in der Lage war.

Wer da noch glaubt, die Menschen seien alle gleich, so etwas wie Genie und Göttergabe gebe es nicht und einzig soziale Faktoren machten den Unterschied aus, der senke sein Haupt in Scham. Ein Manitas de Plata ist eine Jahrhunderterscheinung, Ausbund brennender Leidenschaft für die Musik und elitären Könnens, wie es den Wenigsten gegeben ist.

Und wahrlich! Wäre Orpheus Spanier gewesen, nicht anders hätte er die Götter rühren können als mit diesem Spiel. Hätte Gould auf die Gitarre sich verlegt, die Goldberg-Variationen hießen heute Sangre Flamenco. Wäre der Heiland nicht schon dagewesen, man hätte zweifellos de Plata als solchen angesehen, und die griechische Transkription des Maschiach, des Gesalbten, lautete „Manitas“, nicht „Messias“.

Denn diese erhabene Epiphanie der Aoide, diese anbetungswürdige Fleischwerdung des Flamenco verdient nichts Geringeres als kultische Verehrung. Ein Trankopfer sei dargebracht.

O Gitarrengott, erhöre mich! Heut‘ nacht werd‘ ich alleine sinnend bei dem Biere sitzen, vom güld’nen Gerstensaft zu Deinen Ehren mich zu laben, derweil, Deiner Erdenzeiten eingedenk, ein kristall’nes Tränlein meine Wange kühl benetzen wird. Das, Gitarrengott, gelob‘ ich Dir.

In tiefster Demut

Ewald Knülle

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