Sensation: Neue konservative Studentenzeitschrift in Köln

Lange dachten wir, die Pickelhaube wäre das einzige konservative Nachrichtenmagazin an der Uni Köln. Doch weit gefehlt – wir haben Konkurrenz bekommen. Im Gegensatz zur Pickelhaube aber, die stets sachlich, ausgewogen und neutral berichtet, verfolgt der mit klar konservativer Prägung daherkommende AStA-Nachdruck einen brachial-satirischen Ansatz: Man gibt sich als linksradikales Propagandablatt und stellt dabei den politischen Gegner mittels ironischer Brechung bloß. Ein kritischer Bericht von Ewald Knülle

Geschickt als linksradikales Propagandablatt getarnt: Das konservative Satireprojekt "AStA-Nachdruck"

Wenngleich wir von unseriösem Journalismus wenig halten, so muß man den Machern des AStA-Nachdruck eines zugestehen: Sie beherrschen ihr Geschäft. Das in der Mensa ausliegende Satiremagazin erweckt zunächst den Anschein, eine offizielle Publikation des Kölner AStA zu sein. Dabei aber ist es eine derart formvollendete Persiflage auf SED-Verlautbarungen und DDR-Agitprop der frühen sechziger Jahre, daß selbst Gesine Lötzsch zunächst Mühe hätte, zwischen den Zeilen die beißend-sarkastische Kritik an linken Politik- und Gesellschaftsentwürfen herauszulesen. Eine solch intelligente und vielschichtige Karikatur seriöser Berichterstattung hat es seit der Aktuellen Kamera nicht mehr gegeben. Kompliment also!

Bereits auf der Titelseite erwecken die schelmenhaften Autoren gezielt den Eindruck, beim Kölner AStA handele es sich nicht etwa um das Exekutivorgan der verfaßten Studentenschaft, sondern um einen wirren Haufen linksradikaler Politkasper. Denn die hier angekündigten Artikel haben thematisch wenig oder nichts mit rein universitären Angelegenheiten zu tun: Es wird das festival contre le racisme beworben, das dazu dient, den Rassismus wegzurocken; es wird vor Burschenschaften gewarnt, der Extremismusbegriff kritisiert und der Geburtstag des Autonomen Zentrums Köln-Kalk gefeiert.

Dahinter verbirgt sich ein schwerer Vorwurf seitens der Satiriker des Nachdruck, denn kein AStA hat ein allgemeinpolitisches Mandat. Natürlich soll hier um Gottes Willen nicht behauptet werden, der Kölner AStA kümmere sich um Dinge, die ihn nichts angehen, verbünde sich mit Linksradikalen und -extremisten aller Couleur, z. B. Hausbesetzern, und verwende dazu das Geld der Studentenschaft. Nein, das würde an Verleumdung grenzen. Man muß sich also stellenweise fragen, ob unsere konservativen Verbündeten mit ihrer Satire nicht ein wenig zu weit gegangen sind.

So etwa im Artikel zu den deutschen Burschenschaften (S. 2), verfaßt von einem subversiven Komiker mit dem Decknamen „Robert Eichhorn“. Hier wird – so der erste Eindruck bei oberflächlichem Lesen – insbesondere den schlagenden und farbentragenden Verbindungen unterstellt, sie seien misogyne Karrierenetzwerke, finstere Kaderschmieden bürgerlich-reaktionärer Unterdrückungsherrschaft sowie Einfallstore für Nazitum und Judenhaß. Damit aber, so wird man die konservativen Scherzkekse kritisieren wollen, ist wirklich die Grenze der Karikatur erreicht.

Irgendwann ist die Grenze der Karikatur errreicht: "Wahlplakat" einer Spaßpartei

Denn laut einem Urteil des deutschen Bundesverwaltungsgerichtes vom 13. 12. 1979 ist es einem AStA verwehrt, „einen allgemeinpolitischen Meinungskampf zu führen oder sonstige politische Forderungen ohne konkreten studien- oder hochschultypischen Inhalt in die Hochschule hineinzutragen“, zudem dürfe in „Druckerzeugnissen kein einseitiger Meinungskampf“ geführt werden. Wenn ein AStA gegen Studentenverbindungen Stellung beziehe, müsse „diesen die Möglichkeit eingeräumt werden, ihren Gegenstandpunkt darzulegen“ (1). Nun bin ich kein Jurist, aber da im Nachdruck kein (als solcher erkennbarer) Burschenschafter zu Wort kommt, könnten unsere subversiv-konservativen Verbündeten den Kölner AStA in ernsthafte Schwierigkeiten bringen, sollte jemand ernsthaft glauben, es liege ihm dessen offizielles Druckerzeugnis vor.

Dazu aber besteht zum Glück kein Anlaß. Denn die Artikel sind derart überdreht, die Argumentationsweisen derart absurd, daß dem aufgeweckten Leser eines sehr bald deutlich wird: Hier kann es sich unmöglich um ein authentisches Publikationsorgan des Kölner AStA handeln. Ob nun der Burschenschaft Germania aufgrund ihrer Frühstücksgewohnheiten eine Vorliebe für energische österreichische Schnauzbartträger unterstellt wird; ob beklagt wird, daß in NRW-Schulbüchern keine „homosexuellen Inhalte“ (in Schulbüchern!) zu finden sind; ob der allgegenwärtige Rassismus gescholten oder der Extremismusbegriff verworfen wird: Stets führen die Autoren in brillianter, feinsinniger Satire die vermeintlich von ihnen vertretenen Argumente ad absurdum.

So etwa, wenn ein Komiker mit dem Pseudonym „Daniel Heyen“ die bundesdeutsche Kombination aus ius soli und ius sanguinis als Giftquell des Rassismus, als „sogenannte[s] ‚Blut und Boden‘ Prinzip“ [sic] beschreibt (S. 8), was eine Wesensgleichheit von reformiertem BRD-Staatsangehörigkeitsprinzip und NS-Rassenideologie nahelegt – ein „Vorwurf“, der so dermaßen absurd erscheint, daß wer auch immer ihn erhebt, sich für jede auch nur annähernd ernsthafte Diskussion gründlichst disqualifiziert und bestenfalls einen Mitleidsbonus für sein jämmerliches Allgemeinwissen reklamieren kann. Besser kann man die links’alternative‘ Szene und das, was man dort als politische Bildung ausgibt, nicht durch den Kakao ziehen.

Goslar, im Jahr 2000: Bundeskanzler Gerhard Schröder verkündet die Reform des Staatsbürgerrechts unter dem Motto "Blut und Boden"

Auch großartig ist der „Vorwurf“ des institutionellen Rassismus, wenn er so begründet wird: „Wir leben in einem Nationalstaat, der klar definiert, wer dazu gehört und wer nicht.“ Das also ist Rassismus! Einfach brilliant, diese Satire: Jedes Gemeinwesen, das sich auf einer höheren Kulturstufe befindet als eine Neandertalersiedlung, muß ja zwangsläufig irgendwie definieren, wer dazu gehört und wer nicht – für Steuereinziehung, Rechtsprechung und Verteilung von Sozialleistungen etwa. Nun wäre also jedes heutige Gemeinwesen von institutionellem Rassismus geprägt, die Gesellschaft an sich immer rassistisch: Damit wäre die Bedeutung des Begriffes für die Gesellschaftsanalyse gleich null. Wiederum, eine ganz hervorragende Persiflage auf den so inflationären, also entwertenden, Gebrauch des Terminus „Rassismus“, mit dem linksradikale Rebellenclowns so ziemlich alles belegen, was ihnen gerade nicht paßt. Dies  mit süffisanter Ironie herausgestellt zu haben, ist das Verdienst von „Daniel Heyen“.

Letztlich ist auch die konsequente Durchplanung des Magazins zu loben. Denn die einzelnen Artikel sind gezielt untereinander vernetzt: Während „Daniel Heyen“ den Rassismus als vereinseitigende, negative Konstruktion eines ‚Anderen‘ beschreibt, erzeugt „Robert Eichhorn“ genau ein solches ‚Anderes‘ in Form der von ihm vereinseitigend als negativ geschilderten/konstruierten Burschenschafter. Somit illustrieren die Autoren in gekonnter Weise, daß linksgrüne ToleranzTM-Großmeister vom Schlage eines Jonas Thiele genau jener Vergehen schuldig sind, derer sie andere in ungehemmter Selbstgefälligkeit bezichtigen. Leider habe ich nicht die Zeit, die kunstvoll miteinander verwobenen, sich gegenseitig ironisch aufhebenden „Vorwürfe“ der „linken“ Autoren detailliert aufzuzeigen. Die geistige Arbeit, die ein solches satirisches Mammutprojekt wie den Nachdruck erfordert, muß beträchtlich sein.

So sehr wir also den Nachdruck für seinen erfrischenden Ansatz loben und die Lektüre unseren Lesern wärmstens empfehlen wollen – man muß ja nicht immer so bierernst sein wie wir von der Pickelhaube – es bleibt ein Aspekt, den wir nicht gutheißen können. Im Rahmen des festival contre le racisme (ganz offensichtlich eine Erfindung unserer humorvollen Kollegen) nämlich wird auch ein Vortrag angekündigt (S. 9), der von einer Organisation bestritten wird, die laut Verfassungsschützern dem linksextremistischen Spektrum zuzuordnen ist: „[D]er politische Kurs der VVN-BdA [wird] entscheidend von Funktionären geprägt, die ihrerseits Linksextremisten beziehungsweise Mitglieder linksextremistischer Organisationen sind“ (2) und „eine sozialistisch/kommunistische Diktatur [als] einzig konsequente Alternative zu ‚faschistischen‘ Gefahren“ ansehen (3).

Man kann über die VVN-BdA sagen, was man will: An einer Zukunfts-vision mangelt es nicht

Das heißt konkret, daß die Macher des Nachdruck dem Kölner AStA vorwerfen, er kooperiere bereitwillig mit Linksextremisten, stelle ihnen Uni-Räumlichkeiten und wahrscheinlich auch Uni-Finanzmittel zur Verfügung, damit sie ihr zynisches und menschenverachtendes Gedankengut unter den Studenten verbreiten können. Bei einem solchen Vorwurf hört, wie wir finden, der Spaß nun wirklich auf. Denn bekanntlich hat der Kölner AStA mit gefährlichen Linksextremisten nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Dennoch: Wer einmal herzhaft lachen möchte und allzu deftigen Humor nicht scheut, der besorge sich in der Mensa die neue Satirezeitschrift AStA-Nachdruck. Unseren konservativen Kollegen dort wünschen wir alles Gute für ihr Projekt, aus Begeisterung haben wir bereits ein neues Schlagwort (AStA-Nachdruck) eingerichtet, um die Gesinnungsgenossen auch in Zukunft publizistisch begleiten zu können.

Ewald Knülle, 21. 5. 2011

Den Hinweis auf den AStA-Nachdruck verdanken wir unserem treuen Leser Dieter Döring, der auch schon Tränen gelacht hat. Danke sehr!

Anmerkungen:

(1) Dieses Urteil wird zitiert in einem Beschluß des OVwG Bremen vom 8. Juli 1999, siehe die Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht Jhg. 2000, S. 342–344.

(2) Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg 2009, S. 256.

(3) Bundesministerium des Innern (Hg.), Verfassungsschutzbericht 2005, S. 176f.

Bilder: wikimedia commons; klog.kfiles.de; facefwd.com

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