Habituelle Stilfolklore und humanistischer Anspruch

Der intellektuell andersartige Cedric Waßer, seines Zeichens Hobby-Habermas und Projektleiter im Referat für Kritische Wissenschaften und Antidiskriminierung des Kölner AStA, ist bereits mit einem ersten Artikel zum Extremismusbegriff in Erscheinung getreten. Dieser wurde seinerzeit von uns gebührend kommentiert. Nun hat Waßer nachgelegt und im AStA-Nachdruck (Nr. 2/S. 13) seine Thesen in abgekürzter Form wiedergegeben. Eine gewohnt sachlich-ausgewogene Kritik von Ewald Knülle

Cedric Waßer, ein sprachlich alternativbegabter Satzbauakrobat

Mittlerweile bin ich zum begeisterten Waßer-Exegeten avanciert. Wo sonst bietet sich dem intellektuell eher mäßig ambitionierten Aushilfskonservativen ein derart konziser Einblick in junglinke Selbstbesoffenheit, Realitätsresistenz und Sprachentstellungsambition? Waßer betreibt ostentativ eine spektakuläre Satzbauakrobatik und stolpert dabei nur selten über die eigene Syntax; er wirft mit Namen wie Hegel und Adorno umher, bewahrt sich dabei aber konstant den geistigen Horizont einer durchschnittlichen Weinbergschnecke.

Es sei also gesagt, daß der Artikel im wesentlichen ein zerebraler Rohrkrepierer ist wie schon sein Vorgänger. Räumt man das schwülstige Linksintellektoidensprechgerümpel beiseite, bleibt herzlich wenig Substanz. Die Kernaussagen sind bekannt: (Links)extremismus gibt es nicht. Emanzipatorisch-progressive Kulturprojekte ‚gegen Rechts‘ verdienen haufenweise Staatsknete, und nur deren Selbstbezeichnung, nicht die „sogenannte“ FDGO ist der Maßstab der Vergabe. Die gesellschaftliche Mitte existiert nicht, ist aber gleichzeitig (rechts)extremistisch. Cedric Waßer ist sehr schlau und liest zum Einschlafen Hegel und Adorno.

Nichts Neues also. Worauf ich aber hinauswollte, ist diese Textstelle, bei der sogar mir trüben Tasse ein Licht aufging (wörtliches Zitat):

Gegen die formale Gleichbehandlung zwischen Links und Rechts muss Einspruch erhoben werden, da sich auf Seiten linken Engagements sowohl reaktionäre als auch emanzipatorische Strömungen auffinden lassen, wohingegen rechte Agitation stets auf die Legitimierung vermeintlich natürlicher Hierarchieverhältnisse abzielt. Abseits von habitueller Stilfolklore bleiben linke Inhalte kraft ihres humanistischen Anspruchs der vollständigen Emanzipation aller Menschen ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal.

Köln, 5. 9. 1977: Bei aller habituellen Stilfolklore bleiben linke Inhalte kraft ihres humanistischen Anspruchs der vollständigen Emanzipation aller Menschen ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal

Nun hat Waßerscher Gehirnschluckauf, wenn zu Papier gebracht, die Eigenart, zur Verständlichmachung erst ins Deutsche übersetzt werden zu müssen. Dies soll hiermit geschehen:

Nur Rechte können Extremisten sein. Wenn Linke politisch tätig sind, ist das Engagement; wenn Rechte das tun, handelt es sich um Agitation. Bei Linken gibt es ein paar Rückwärtsgewandte; Rechte aber sind grundsätzlich böse. Auch wenn Linke sich in ihrem politischen Stil ein wenig unterscheiden – die einen teilen Handzettel aus und diskutieren, die anderen zünden S-Bahnen an oder fahren bei wohltätigen Gaza-Hilfsflotten mit, wieder andere richten Gulags ein und verteilen Genickschüsse – so eint sie doch der total gute humanistische Anspruch der vollständigen Emanzipation aller Menschen. Cedric Waßer ist sehr schlau und liest zum Einschlafen Hegel und Adorno.

Mailand 1977: Ein Mitglied der Brigate Rosse setzt sich mit humanistischem Anspruch für die vollständige Emanzipation aller Menschen ein

Jetzt verstehe ich endlich, warum der eigentlich über alle politischen Grenzen hinweg gesprächsfreudige Martin Böcker in seinem jüngsten Artikel von der Nutzlosigkeit der Diskussion gesprochen hat: Wozu mit einem Cedric Waßer diskutieren? Waßer ist der festen Überzeugung, daß Linke automatisch gut sind, Rechte dagegen automatisch böse. Denn Linke vertreten ja den humanistischen Anspruch der vollständigen Emanzipation aller Menschen. Rechte aber wollen widernatürliche, unmenschliche Hierarchieverhältnisse durchsetzen. Da muß jedes Sachargument scheitern; jeglicher Dialog erübrigt sich.

Ukrainische SSR, 1932/33. Auch bei Entkulakisierung und Zwangskollektivierung gilt: Linke Inhalte bleiben kraft ihres humanistischen Anspruchs der vollständigen Emanzipation aller Menschen ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal

Auch ist mir trüben Tasse anhand der oben übersetzten Passage endlich klar geworden, warum Waßer den Extremismusbegriff ablehnt. Ursprünglich hatte ich vermutet, es ginge ihm lediglich darum, daß Linksextremisten nicht als das bezeichnet werden können, was sie sind. Das ist sicherlich nicht falsch, aber es fehlt noch ein wesentlicher weiterer Aspekt: Würde man den Extremismusbegriff anwenden, so wäre man gezwungen, auch die Rechten differenziert zu betrachten, nämlich als verfassungskonforme Konservative, Rechtskonservative und, am Rand, Neue Rechte, sowie als verfassungsfeindliche Rechtsextremisten.

Obwohl Aushilfs-Agitator Waßer der Extremismustheorie ständig vorwirft, unreflektiert und vereinseitigend zu sein, weiß er natürlich sehr genau, daß dies nicht stimmt. Doch will man dem politischen Gegner jede Daseinsberechtigung absprechen, muß man eben die Möglichkeit zu sprachlicher Differenzierung entsorgen. Waßer ist der Gleichmacher, nicht Uwe Backes und Eckhard Jesse (die Väter und, wie man heute zu sagen pflegt, Mütter der Extremismustheorie).

Berlin 1945: Um der vollständigen Emanzipation aller Menschen willen trägt die Humanistische Armee etwas zur sexuellen Revolution bei

Denn Rechts ist automatisch Nazi, Auschwitz und Gaskammer, und Links ist automatisch Emanzipation, Fortschritt, humanistischer Anspruch, aller Unterschiede in habitueller Stilfolklore zum Trotz. Das habe ich jetzt endlich kapiert, obwohl ich weder Hegel noch Adorno lese, geschweige denn zum Einschlafen.

Für diese Erleuchtung dankt vielmals

Ewald Knülle, 25. 5. 2011

P. S.: Das großartigste ist dann noch, daß der Geistesriese Cedric, der zum Einschlafen Hegel und Adorno liest, am Ende seines Artikels von „Demokratiebewusstsein“ spricht. Neusprech doppelplusgut!

Bilder: uncyclopedia.com;  Ministero dell’Interno; abendblatt.de; withfriendship.com

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9 Antworten zu Habituelle Stilfolklore und humanistischer Anspruch

  1. Alexander schreibt:

    Jedes Reden ist nur sinnvoll als Ermutigung der eigenen Truppen vor der Schlacht.

  2. LePenseur schreibt:

    Exzellent! Erlaube mir, zu verlinken …

  3. Manfred schreibt:

    Großartig. Ab sofort ziert die Pickelhaube meine Blogroll.

  4. Corax schreibt:

    Der letzte Satz des Zitats mit dem schönen Wort „Stilfolklore“ lautet, wenn man Satzgegenstand und Satzaussage aus allem Schmuckwerk herausschält: „Linke Inhalte bleiben ein Alleinstellungsmerkmal.“ Wenn wir jetzt diesen Kernsatz mit dem schönen, ein Alleinstellungsmerkmal des Marketingjargons bleibenden Wort „Alleinstellungsmerkmal“ in Worte übersetzen, die Alleinstellungsmerkmal der normalen Umgangssprache bleiben, lautet er: „Linken Kram gibt es nur beim linken Krämer.“ Dagegen ist nun wirklich nichts zu sagen, genauso wenig wie dagegen, daß es echte Gummibärchen nur bei Haribo gibt.

  5. Skeptizissimus schreibt:

    Kann mich dem Lob nur anschließen. Wenn es zu meiner Studienzeit und an meiner Uni so einen intelligenten Blog gegeben hätte, hätte ich gerne mitgemacht. Die „Pickelhaube“ befindet sich nun auf Skeptizissimus‘ Blogroll.

  6. Pingback: Blog » Blog Archive » Linker Größenwahn?

  7. Petrus Urinus Minor schreibt:

    Geilst!

  8. Lodmund der Alte schreibt:

    Nicht übel! Bis auf die „Gaskammern“, was hat Entlausung / Entwesung hier zu suchen.
    Ich nähre die Hoffnung, daß der geschätzte Blogwart „irgendwas mit Naturwissenschaften“ studiert…
    Ideal wäre Chemie.

    • immhoff schreibt:

      Auf die Gefahr hin, einen Leser zu verprellen: Bei den Gaskammern ging es nicht um Entlausung. Das weiß man auch, wenn man wie der geschätzte Blogwart einen Studiengang belegt hat, der mit praktischen Zwecken zuführbarem, lebensweltrelevantem Wissen rein gar nichts zu tun hat.

      Gruß
      Ewald Knülle

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