Neusprech verstehen I: Geschlechtergerechtigkeit

Der Weg in eine wahrhaft freie, inklusive, demokratische und geschlechtergerechte Einheitsmenschheitsgesellschaft erfordert Opfer von uns allen. Eines dieser Opfer ist die deutsche Sprache. Im Rahmen unserer Neusprech-Wochen möchten wir den Leser_innen der Pickelhaube die richtige Sprech- und Schreibweise sowie die dahinterstehende Philosophie erläutern. Von unserem Neusprech-Fachkorrespondenten Ewald Knülle

Ewald Knülle hat sich intensiv mit Neusprech beschäftigt

Die bisher leider noch von vielen Menschen in diesem Lande verwendete deutsche Sprache verwehrt vielen solidarisierungswürdigen Minderheiten eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. So etwa, wie der Große AStA-Vorsitzende Jonas Thiele feststellte, durch jenes finstere Unterdrückungsinstrument der chauvinistisch-maskulinistischen Monopolelite: Das generische Maskulinum, welches Frauen diskriminiert. Thiele belegt mit einem Bildschirmfoto, daß bei der Eingabe des Wortes „Studentinnen“ bei Google vorwiegend unmoralische Suchvorschläge erscheinen, daß also Frauen erst recht als Sexobjekte erscheinen, wenn man sie explizit als solche bezeichnet.

Links: Jonas Thiele gibt bei Google den Begriff "Studentinnen" ein, um nachzuweisen, daß Frauen reine Sexobjekte sind, wenn sie als solche bezeichnet werden. Rechts: Ewald Knülles Gegentest bestätigt Jonas Thieles Aussage voll und ganz

Warum er gerade dann das generische Maskulinum abschaffen will, verrät Thiele nicht. Doch der allwissende Große Vorsitzende wird sich die Sache schon gründlich überlegt haben. In seiner Weisheit nämlich ist er zum Kern des Problems vorgedrungen: Wenn von „Chefärzten“, „Sängern“ oder „Schauspielern“ die Rede ist, könnten sich – Lenin steh uns bei – die Hörer selber denken, wer gemeint ist. Dabei vergessen sie eventuell, zugunsten der Männer, die Frauen sowie sonstige Zwischenexistenzen.

Denn die deutsche Sprache bietet Deutungsfreiheiten, eröffnet Assoziationsspielräume, wie sie seit jeher von Dichtern und Literaten aller Couleur zum Entzücken des Publikums kunstvoll genutzt wurden; kurzum: sie erlaubt es ihren Benutzern, sich die ein oder andere semantische Feinheit selbst dazuzudenken.

Doch – um Gottes Willen! Bei freiem, unregulierten Wortgebrauch könnten wir uns selber etwas dabei denken, und das, ohne vorher Jonas Thiele zu fragen!

Ein solches Horrorszenario muß um jeden Preis verhindert werden. Wo kämen wir da hin, wenn Menschen jetzt auch noch anfingen, selber zu denken? Das ergäbe ja geradezu sarrazinische Zustände. In Jonas Thieles Sozialistisch-Veganer Weltrepublik wird es so eine Schweinerei jedenfalls nicht geben. Wer im Dienste für das GuteTM den Menschen umprogrammieren möchte, der muß bei der Sprache anfangen, jener „Software des Geistes“, die ja in der Tat uns nicht allein als Kommunikationsinstrument dient, sondern mithin unsere Realität erst konstruiert, unser Wahrnehmen und Denken fundamental steuert.

Sicher ist sicher

Diese Steuerungsfunktion gilt es in die Hand zu bekommen und für die Schaffung des neuen Menschen zu nutzen. Wie beginnt also der ambitionierte Hobbyprogrammeur? Klar, eben mit der geschlechtergerechten Sprache. Da aber die Binnenmajuskel (Beispiel: KannibalInnen) mittlerweile fast schon gesellschaftsfähig ist und somit als Widerstandsgestus dem zeitgeistfühligen Rebellenclown nicht mehr allzuviel nützt, muß eine noch radikalere Variante her, eben der/die/das gender gap, damit man sich auch weiterhin als heldenmütige_r Unterdrückungsbekämpfer_in wider das Establishment gerieren kann.

Weil nämlich – wie ich keineswegs bestreiten möchte – auch metro-, inter-, bi-, tri-, trans-, a- und ultrasexuelle Hermaphrodit_innen theoretisch kannibalistische Neigungen haben könnten, muß es fürderhin lauten: Kannibal_innen; der Unterstrich bzw. als Variante der Oberstern (Kannibal*innen) dient als semantisches Asyl für alles, was sich der reaktionärbourgeoisen Zwangsgeschlechterbipolarität nicht unterwerfen will.

Der Neusprech-Titel dieses Films müßte in der Übersetzung für die Menschen in unserem Schland eine/n gender gap beinhalten

Natürlich gibt es auch stichhaltige Sachargumente gegen die geschlechtergerechte Sprache. Solche Erörterungen aber sind eines Jonas Thiele unwürdig. Wer wahrhaft tolerantTM ist und die wirklich großen Probleme der Menschheit angehen möchte, der stellt sicher, daß die Sprecher_innen einer Sprache mit jedem Wort nur genau das meinen, was er/sie/es ihnen zu meinen gestattet. Ich will mich keines Gedankenverbrechens schuldig machen, finde das doppelplusgut und wünsche dem Großen Vorsitzenden weiterhin viel Erfolg!

Doppeldenkend

Ewald Knülle, 27. 5. 2011

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4 Antworten zu Neusprech verstehen I: Geschlechtergerechtigkeit

  1. Karl Eduard schreibt:

    Solange Vornam_innen Rückschlüsse auf das Geschlecht zulassen und damit diskriminieren, wird der Unterdrückung_innen der Nichtmaskulin_innen kein Ende gesetzt. Da ist noch viel Regulierung nötig.

  2. Lodmund der Alte schreibt:

    Da hat ER in seinem Diätbuch „Kein Mampf“ schon durchaus recht: Wenn „mensch“ genau nachstochert, wo solche oder andere Notzüchtigungen der Vernunft herkommen, landet man fast immer bei einem Herren(menschen) mit kleiner runder Mütze…Adorno war noch gar nichts.

  3. RetroMetro schreibt:

    Mein Dozent verlangt von mir Neusprech anzuwenden, und z.B. „Studierende“ statt „Studenten“ zu sagen – das „innen“ soll ich auch nicht vergessen…etc. Was kann ich tun? Er drohte mir mit der Frauenbeauftragten.

    • immhoff schreibt:

      Sie können das jetzt bis zum Ende d.h. bis zur Frauenbeauftragten durchfechten – um dann Ihren Mitmenschen die ganze Bigotterie dieser kleingeistigen, zeitgeistkonformen Pedanten zu offenbaren. Aber wir wissen schon längst, was wir von diesen bürokratischen Sprachreglementierungen zu halten haben, die von den herrschenden Eliten forciert werden. Im Zweifelsfall möchte ich Ihnen aber raten, sich deswegen keinen Ärger einzuhandeln. Ihr Studium geht vor -je mehr vernünftig Denkende in entscheidende Positionen gelangen, desto mehr können wir im Namen der Freiheit gegen dieses PC-Unwesen unternehmen. Und wenn all das nichts bringt -wonach es ehrlich gesagt angesichts der dahinter stehenden Koalition aus Linken und Plutokraten aussieht- so bleibt uns immer noch der eigene Verstand, und sozusagen „das Paradies des Herzens“, wo sie nicht bestimmen können. Denn an dessen Tür steht ein unerbittlicher Wächter: hier ist für Antifanten, Grünlinge, KässmännInnen und Sprachbürokraten der Zutritt verboten. Sie irren sich nämlich, wenn sie glauben, durch Sprachregelungen unser Denken manipulieren zu können.

      Markward von Annweiler

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