Toleranz für Anfänger (II)

Wir alle müssen toleranter werden. Das bekommt man täglich von weisen Menschen im Fernsehen gepredigt. Außerdem hat ja unser Bundespräsident – ebenfalls im Fernsehen – gefordert, Deutschland müsse noch bunter werden, was für uns Kartoffeln wohl bedeutet: Die gute alte Volkstümelei und andere, auf Selbsterhalt zielende kulturelle Restbestände sind umgehend ad acta zu legen. Kein Problem, da sind wir auf gutem Wege. Aber wie weiter nach der Identitätskastration? Wie konkret soll das nun gehen mit dem Tolerantwerden? Fragt sich Ewald Knülle

Auf dem Albertus-Magnus-Platz öffnet dieser Tage das Kampusgrüne Zentrum (KZ) für angewandte Toleranzförderung seine Pforten. Toleranzkommandant ist Grünbannführer Fabian Kaske

Welch Glück: Der campusgrüne ToleranzTM-Großmeister Fabian Kaske weiß die Antwort. In seinem neuen Beitrag zur revolutionär-sozialistischen Kampfpostille grün:fläche entwirft er nach einer Darlegung der theoretischen Grundlagen seines Denkens ein erstes Maßnahmenprogramm. Der Artikel ist absolut empfehlenswert und sei jenen unter unseren Lesern, die wie ich in Bezug auf ToleranzTM noch Nachholbedarf haben, wärmstens empfohlen.

Denn Kaske bezieht sich zur Theoriefundierung zunächst auf Der kommende Aufstand (L’insurrection qui vient), auf jenen äußerst toleranten französischen Aufsatz also, der die nun doch recht ambitionierte Forderung nach der Entsorgung aller staatlichen Autorität und Zerlegung der französischen Gesellschaft in (vermeintlich) selbstversorgende Kommunen erhebt. Ein derartiger Aufstand „sich selbst befreiender Gesellschaften“ ist laut Kaske offenbar anzustreben, gerade auch angesichts der „Brüchigkeit des kapitalistisch-demokratischen Systems und seiner Allmacht im industrialisierten Westen“.

Die somalische Gesellschaft hat sich bereits selbst von jeder staatlichen Unterdrückung befreit. Im Bild mehrere Befreier beim Aufbruch zur kommunalen Selbstversorgung

Doch leider, leider ist ein Buch in Deutschland derzeit erfolgreicher als Der kommende Aufstand, wie Kaske voll Bedauern feststellen muß: Das rassistische Hetzpamphlet Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin. Da nun Fabian Kaske anscheinend genau das will – also Deutschland abschaffen – muß der Erfolg eines Autors, der dies verhindern möchte, ihm mächtig sauer aufstoßen.

Denn Sarrazins Buch, so weiß Kaske zu berichten, dient dazu, „den tiefsitzenden antimuslimischen Rassismus in der Gesellschaft zu aktivieren und zu verstärken“, die „rassistisch[e] Denkweise großer Teile der Bevölkerung“ zu bekräftigen, und somit den Weg in eine sich selbst befreiende Gesellschaft zu verhindern. ToleranzTM heißt eben auch, daß man mit größter Selbstverständlichkeit den Deutschen pauschal Rassismus unterstellen, von einer „rassistischen Mitte in der BRD“ reden kann. Na dann!

Schäm dich, Kartoffel: Du bist ein Rassist

Rassismus wird dabei gegen eine Religionsgemeinschaft ausgeübt, die Kaske paradoxerweise als Rasse zu begreifen scheint. Natürlich sind die eingewanderten Angehörigen dieser Religion ihrerseits vom Rassismus und von sämtlichen der ihnen seitens Sarrazin vorgeworfenen Unzulänglichkeiten kollektiv freizusprechen; nur die Deutschen sind eines Gedankenverbrechens zu zeihen.

Auch wenn Fabian Kaske das abstreiten würde: Bei manchen Muslimen sind Vorurteile gegen fruchthaltige Kaltgetränke verbreitet

Wie aber den Rassisten-Exorzismus vornehmen? Kaske, offenbar auch ein großer Philosoph und Geschichtsdenker – obwohl eigentlich Sonderpädagoge – macht sich reichlich Gedanken, wie man die Gesellschaft so tolerant machen kann, wie er es ist. Das Problem ist nicht allein Thilo Sarrazin, das Problem ist unser politisches und gesellschaftliches System an sich, das mittlerweile leider alternativlos erscheint:

War in den 60-80er Jahren ein, wie auch immer gearteter, Sozialismus noch eine realistische Alternative, muss sich jede_r Einzelne nun damit zufrieden geben innerhalb des Systems das möglichst Beste zu erreichen. Innerhalb des kapitalistischen Systems funktioniert dies natürlich nur auf dem Rücken der vermeintlich Schwächeren.

Also: Der Kapitalismus basiert auf Ausbeutung der „vermeintlich“ (?) Schwächeren; in ihm wird jeder zwangsläufig zum Menschenschinder – Freiheit ist nicht möglich. Ganz anders hingegen im Sozialismus, auf den man früher noch hoffen konnte. Doch geht es Kaske allein um eine Abschaffung des Kapitalismus als Wirtschaftsordnung?

Eine Überwindung der rassistischen Denkweise großer Teile der Bevölkerung ist somit nur durch die Überwindung der gegenwärtigen Form der Vergesellschaftung denkbar, weil sie integraler Bestandteil eben dieser ist. Rassismus, Klassismus und Sexismus sind […] strukturierte Unterdrückungsmechanismen der gegenwärtigen Gesellschaft, die auch aufeinander aufbauen. 

Die demokratisch-kapitalistische Ordnung ist es, die Sexismus erst erzeugt

Vorausgesetzt, Kaske kennt die Bedeutung jener soziologischen Begrifflichkeiten, mit denen er um sich schmeißt, dann will er sagen: Nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern der Gesellschaftsaufbau als Ganzes mit all jenen Institutionen, die den Menschen vom Einzel- zum Gemeinschaftswesen machen – Familie, Schule, Verein, Staat etc. – ist zu entsorgen, da Rassismus, „Klassismus“, Sexismus hier strukturell eingeschrieben sind.

Kurzum, Fabian Kaske ist so dermaßen tolerant, daß er den Deutschen nicht nur pauschal Rassismus unterstellt, sondern mal eben ihr gesamtes Wirtschafts- und  auch Gesellschaftssystem umbauen, mithin die Bundesrepublik und das deutsche Staatswesen überhaupt abschaffen möchte.

Dabei vergißt er neben formaljuristischen Quisquilien wie z. B. dem Art. 21 II GG natürlich auch, daß es gerade der Kapitalismus war, der die Feudalgesellschaft überwunden und somit im Zusammenspiel mit der Nationalbewegung aus ständisch gegliederten Untertanen rechtsgleiche Staatsbürger gemacht hat, was die Emanzipation von Frauen und Schwulen erst ermöglichte.  Da muß der gute Kaske wohl seinen Marx nochmal lesen.

Es war das ach so brüchige „kapitalistisch-demokratische System“, daß in der BRD einen beispiellosen Massenwohlstand schuf und eine Gesellschaft, die so wenig sexistisch und „klassistisch“ ist wie kaum jemals eine andere, die ferner den Rassismus wesentlich vehementer und hysterischer bekämpft, als es im Sozialismus der Fall war, deren Eliten sozial durchlässig sind und die sich vermeintlich oder tatsächlich unterdrückter Minderheiten in einem Ausmaß annimmt, wie es ein  realsozialistischer Freilaufknast à la DDR niemals hätte finanzieren können oder wollen.  Und wo sonst hat man die gesetzlich verbriefte Freiheit, den Staat so freimütig zu verurteilen, wie es Kaske tut? Aber was  sind schon solche Einwände, erhoben von einer rassistischen Kartoffel wie mir.

Auch ich möchte so tolerant sein wie Fabian Kaske! Denn zweifelsfrei bekommt er für seine Kindergartenpropaganda reichlich Zuspruch und kann sich an der Uni für sein tolles demokratisches Engagement in der Führungsriege der Campusgrünen loben lassen. Ich hingegen muß im Verborgenen meine Haßschriften verfassen.

Neidisch

Ewald „Kartoffel“ Knülle, 25. 6. 2011

Anmerkung für toleranzambitionierte Leser: Zum ersten Artikel unserer Toleranz-Reihe geht es hier.

Bilder: watchsouthparkonline.net; blog.foreignpolicy.com, karl-heinz-hermann.de, uncyclopedia.com

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5 Antworten zu Toleranz für Anfänger (II)

  1. Karl Eduard schreibt:

    Das mit dem Nerv, das hat der Genannte gut erkannt und leider wird sich das mit dem Nerv auch nicht ändern, so lange immer noch mehr Menschen für eine Erwerbsarbeit entlohnt werden als dafür, daß sie nichts tun, sondern nur Menschen sind. Erst wenn die Zahl derer, die noch im Schweiße ihres Angesichts arbeiten müssen, damit das Essen auf den Tisch kommt, bedeutend kleiner ist, als die Zahl derer, die ihr Recht auf Faulheit und von der Arbeit anderer zu leben, wahrnehmen, erst dann werden solche biologistischen Bücher auf den ihnen gebührenden Platz verwiesen werden. Leider haben auch in Deutschland noch nicht alle Menschen begriffen, wie es die in den Banlieus oder in Griechenland schon taten, daß besseres Leben durch Anzünden von Schulen, Bussen oder Geschäften daherkommt. Erst wenn die Trümmer rauchen, erst dann kann sich jeder HARTZ IV – Bezieher einen Porsche, wie Claus Ernst leisten oder ein Hummeressen, wie Frau Wagenknecht.

    Gute Ansätze gibt es aber bereits an den Universitäten Deutschlands zu beobachten, wo bereits unter dem Motto „Hilfe, man hat uns die Bildung geklaut“ heftig dagegen protestiert wird, daß imperialistische Söldner des Nachts daherschleichen und dem Studierenden das über den Tag Gelernte aus dem Hirn absaugen.

    Wahr ist aber auch, erst als Deutschland im Mai 1945 so richtig in Trümmern lag, gab es später das sogenannte Wirtschaftswunder aber die Leute mußten damals auch richtig arbeiten, dieser Fehler sollte im kommenden Aufstand nicht wiederholt werden.

    • immhoff schreibt:

      Sehr richtig! Eine vollständige Befreiung des Menschen ist nur durch das Überwinden der ausbeuterischen Erwerbsarbeit zu leisten. Unser Vorbild: Somalia! Die intellektuelle Speerspitze auf dem Weg dahin ist unsere linke Studentenschaft.
      Begeistert
      Ewald Knülle

      • Karl Eduard schreibt:

        Ja. Aber das Modell Somalia sollte nicht Eins zu Eins auf Deutschland übertragen werden. Zumindest können wir jetzt, im Sommer, aber schon einmal braun werden.

  2. Dieter Döring schreibt:

    Was soll man denn auch von unseren lieben Grünen erwarten. Betrachtet man die Trittins, Künasts und Roths genauer fällt auf wie intellektuell Platt diese Leute sind!

    Selbstverantwortung spielt für sie keine Rolle und sie hängen paternalisitischen Programmen nach. Wettbewerb wird als sozialdarwinistische abgewertet und Privateigentum verteufelt. Gerechtigkeit wird mit Gleichheit verwechselt und sie sind von der „Klimareligion“ besessen. Sogenannte Antidiskriminierung und „Gender-Mainstreaming“ runden das Bild ab. Auffallend ist ihre Ort- und Orientierungslosigket. Sie sind nicht verwurzelt, sie hängen sozusagen in der Luft!

    Sarrazin ein „Rassist“? Vielmehr hat dieser Herr die Zeichen der Zeit erkannt: In einer Welt in der viele Kulturen im Wettbewerb konkurrieren sollte man die eigene Kultur und historisch gewachsene Werte schätzen und pflegen. Tut man dies nicht ist man dem Untergang geweiht.

  3. Lampe duster schreibt:

    Auch hier möchte ich noch einmal auf die nunmehr bestehende Internetpräsenz der Deutsche Nationalversammlung
    verweisen.
    Wie ich finde, ein Hoffnugsschimmer für die heillos zerstrittenen Konservativen.

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