Schwimmen ist konservativ

Jüngst überwand ich meine sonst so dominante Trägheit und machte mich auf, nach langer Zeit wieder einmal das lokale Hallenbad mit einem Besuch zu ehren. Nach einigen Minuten im Wasser fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es gibt keinen Sport, der so konservativ ist wie das Schwimmen. Von Ewald Knülle

Dem Linken liegt ja eher das Laufen. Denn zur Reproduktion der eigenen Identität muß er sich bekanntlich in Form eines pathologischen Rebellentums als Widerständler gegen das System inszenieren, und als Läufer kann er diese politische Position bestens kommunizieren. Beim Laufen  nämlich ist es der geringe Luftwiderstand, der selbst Spitzensportlern ostentativ-anarchistische Eigenheiten erlaubt wie das Kopfwackeln (Paula Radcliffe) oder das Ellenbogenschlackern (Emil Zatopek). Deutlicher kann man nicht dokumentieren: Ich lehne mich auf! Von sportwissenschaftlich untermauerter Trainingslehre lasse ich mich nicht unterdrücken! Nieder mit dem System! Angesichts solch schamloser Zurschaustellung des eigenen Radikalindividualismus aber muß der bodenständige Konservative angewidert das Gesicht verziehen.

Laufsport: Der reinste Anarchismus

Was für ein Sport dagegen ist Schwimmen! Allzu eitel-individualistisches Selbstverwirklichungsgehabe ist hier unmöglich. Denn das Element Wasser hat andere, strengere Regeln als die im Vergleich geradezu linksgrünkäßmanntolerante, nach dem laissez-faire-Prinzip funktionierende Luft. Das Wasser nämlich fordert eine weitestgehende Assimilation an seine unumstößlich geltende Leitkultur, an Wasserwiderstand, Auftrieb und Vortrieb. Da hilft keine Schmollippe, keine Gleichstellungsbeauftragte und keine Lichterkette – wer sich nicht an die Regeln hält, säuft ab. Absolut großartig also! Bei soviel Intoleranz muß einfach jeder Konservative in glühender Liebe entbrennen.

Angesichts einer verbindlichen Leitkultur muß man assimilationsbereit sein, um Erfolg zu haben. Hier der bestens assimilierte und sehr erfolgreiche deutsche Stahlblechschwimmer Modell VIIC

Dies umso mehr, als zumindest in sportlich orientierten Bädern eine klare Selektion nach Leistungsprinzip erfolgt: Umsichtige Bademeister teilen die Bahnen je nach Schwimmgeschwindigkeit ein; nur die Schnellsten dürfen auf die äußerste Bahn. Dies dient der Harmonie des Ganzen wesentlich mehr als gutmenschlich-radikalegalitäre Bahnenanarchie.

Deutlich wird hier ebenfalls die elementare Ungleichheit der Menschen, denn Unterschiede in Geschwindigkeit und Körperform sind schonungslos sichtbar und werden nicht durch Minderheitenbonus oder Quotenregelung ausgeglichen. Welchem Konservativen sollte da nicht warm ums Herz werden?

Wegen des unverhüllten Leistungsgefälles gibt es im Hallenbad auch keine Nivellierung nach unten – jeder Hobbyschwimmer weiß um den enorm kompetitiven Charakter des Amateursports; man trainiert selten so intensiv, wie wenn man es dem Saftsack, der einen eben noch überholt hat, mal so richtig zeigen will. Dieser herrlich antiegalitäre, agonistische, auf Assimilation, Selektion und Verdrängung ausgerichtete Charakter des Schwimmens  ist es, der beim Konservativen für grenzenlose Begeisterung sorgen muß. Das  von linker Seite erteilte Qualitätsprädikat „Faschismus“ ist eigentlich so gut wie sicher!

Trutzburg des Faschismus: Das deutsche Hallenbad. Von den Nazis wurde es für zynischen und menschenverachtenden Schwimmunterricht mißbraucht

Doch kommen wir nun vom theoretischen Hintergund zum praktisch-handwerklichen Teil, zum eigentlichen Schwimmen. Wie bewältigen der Linke und der Konservative die Anforderungen dieses Sportes?

Zunächst setzt ja die lobenswert intolerante Leitkultur des Wassers dem Spielraum für motorische Kreativität wie auch modische Umhüllung des Badefreundes enge Grenzen. Damit kann natürlich der Linke nicht umgehen; er beklagt den repressiven Anpassungsdruck sowie die reaktionärfaschistisch-speziezistische Diskriminierung seitens jenes Elementes, das ihn nicht ansatzweise so elegant und geschwind sich fortbewegen läßt wie Delphin und Schwertfisch. Über sein antikapitalistisches i-Phone benachrichtigt er die Kölner Antifa und organisiert in Zusammenarbeit mit dem AStA einen Sitzstreik gegen den Wasserwiderstand sowie ein festival contre la hydrodynamique. Er verteilt  in der Uni-Mensa zahlreiche Flugblätter und initiiert eine Sammelklage gegen das Schwimmbad. Letztendlich zündet er das Auto des Bademeisters an. Schwimmen kann er noch immer nicht.

Natürlich denkt auch der Konservative: Der Wasserwiderstand ist ein Arschloch. Doch ist seine Art und Weise, darauf zu reagieren, eine völlig andere als die des Linken. Denn er weiß: Der Mensch ist nunmal ein Mängelwesen, auch und gerade im Wasser. Eine Schwimmblase, anständige Kiemen und die insbesondere für den Vortrieb so eminent bedeutsame Schwanzflosse fehlen ihm. Stattdessen hat er haufenweise nutzlosen Krempel wie Haare, Lungen, Arme und Beine. Diese, so weiß er, sind ihm einfach angeboren, sind nicht lediglich das Ergebnis biologistischer Zuschreibungen seitens rechtspopulistischer Sachbuchautoren. Während also der Linke „Diskriminierung“ schreit und zetert, macht sich der Konservative an die Arbeit.

Der erste Schritt: Da der Konservative weiß, daß er den Wasserwiderstand nicht wegsoziologisieren oder wegrevolutionieren kann, muß er mit ihm auskommen, ihn minimieren. Dies kann er nur über eine optimale Wasserlage erreichen, d. h. über eine flache, horizontale, gestreckte Körperposition, die dem Wasser in Bewegungsrichtung möglichst wenig Fläche bietet.

Wasserlage

Oben: Gute Wasserlage. Horizontale, gestreckte Position; Kopf unter Wasser, Blick zum Beckenboden - minimaler Wasserwiderstand. Unten: Schlechte Wasserlage. Rumpf nicht in der Horizontalen, überdies nicht gestreckt, sondern geknickt.

Der Wasserwiderstand wächst im Verhältnis zur Geschwindigkeit nicht proportional, sondern im Quadrat, und die erforderliche Leistung im Kubik – wer doppelt so schnell schwimmen will, muß achtmal soviel leisten. Dies, so weiß der Konservative, ist ein Naturgesetz, nicht etwa die soziale Konstruktion einer repressiven Gesellschaft. Daher erkennt der Konservative: Will ich meine Schwimmzeiten verbessern, lohnt es sich zuallererst, an der Wasserlage und damit der Verringerung des Wasserwiderstands zu arbeiten. Das Vermehren der Kraftausdauer ist im Vergleich eher unbedeutend.

Nun sind die der Wasserlage dienenden schwimmtechnischen Übungen reichlich unspektakulär anzusehen und machen auf das Weibsvolk wenig Eindruck. Wer sie langfristig betreibt, wird jedoch merkliche Erfolge erzielen und pflegt dabei eine gute alte preußische Tugend, den unprätentiösen Fleiß. Artikuliert wurde diese Tugend in genau jenem (antiken) Wahlspruch, den einst der Generalfeldmarschall Graf von Schlieffen seinen Offizieren empfahl: Mehr sein als scheinen. Was also könnte konservativer, könnte preußischer sein als schwimmtechnische Übungen?

Wir Deutschen haben GFM Graf v. Schlieffen viel zu verdanken

Der zweite Schritt: Die Wahl des bevorzugten Schwimmstils anhand der Einsicht in naturwissenschaftliche Tatsachen. Der menschliche Arm ist zum Schwimmen nur mäßig tauglich; dies liegt am Fehlen jeglicher Schwimmhäute, vor allem aber an der banalen Tatsache, daß ein Arm im Gegensatz zur Flosse nach jedem Zug wieder nach vorne geführt werden muß, was, wenn es unter Wasser geschieht, einen merklichen Bremseffekt zur Folge hat. Dies kann, wie der Konservative weiß, durch kein noch so gut finanziertes staatliches Antidiskriminierungsprogramm geändert werden. Anstatt also massig Stellen für unterbeschäftigte Sozialpädagogen einzufordern, entscheidet sich der Konservative schlicht und einfach für das Kraulen, das unter anderem deswegen der schnellste Schwimmstil ist, weil die Arme in einer kontinuierlichen Wechselbewegung über Wasser nach vorne geführt werden.

Man muß dabei nicht, wie unten im Video Grant Hackett, ca. 2 Meter pro Sekunde schwimmen; die lange Gleitphase bei beibehaltener Körperstreckung (auch und gerade während des Atmens) sollte man allerdings unbedingt anstreben. Dadurch wird die überwundene Distanz per Zug maximiert, die dem Wasser gebotene Fläche minimiert. Sehr schön zu sehen sind bei Hackett die ausgeprägte Längsachsenrotation sowie das Ausnutzen des vollen Bewegungsspielraums von Armen und Schultergelenken, vor allem aber die herrlich preußisch-militärisch stramme Körperhaltung – Hackett muß so dermaßen erzkonservativ sein, daß die Kölner Campusgrünen  sich vor Schreck in ihre fair gehandelten Biobaumwollunterhosen machen würden, sollte er jemals im Aachener Weiher trainieren.

Im dritten Schritt heißt es also: Fleißig üben. Ganz gemäß der konservativen Urformel Reform statt Revolution muß man dabei das Schwimmen nicht grundsätzlich neuerfinden, sondern in der Anwendung vervollkommnen. Wer dies tut, wird die Erkenntnis gewinnen und umsetzen können, daß beim Kraulen der Beinschlag zunächst schlicht der Wasserlage, nicht dem Vortrieb dient; daß umgekehrt der Armzug einzig und allein den Vortrieb, nicht aber Auftrieb und Wasserlage besorgt. Bald wird der Schwimmer einen enorm effizienten Stil entwickelt haben und auf den Beinschlag so gut wie verzichten können. Wenn er dann noch in der Lage ist, Wasserlage und Körperspannung auch während des Luftholens zu bewahren, dann hat er die wesentlichen Aspekte des Kraulens verinnerlicht, sich dem Wasser assimiliert.

Diese Assimilation allerdings nötigt ihn keineswegs – auch wenn besorgte Sozialpädagogen anderes vermuten mögen – seine Identität preiszugeben. Ganz im Gegenteil ist selbst bei jenen Menschen, die ihre Lebenszeit zum guten Teil unter Wasser verbracht haben, ein individueller Schwimmstil deutlich erkennbar; man vergleiche mit dem oben zu sehenden Grant Hackett nur Ian Thorpe (eigentümliche Kopfposition und Wasserlage sowie enorm starker Beinschlag) oder auch Michael Klim (ab 3:16 gut zu erkennen: nahezu gestreckte Arme in der Überwasserphase des Kraularmzugs). Dem Assimilationsdruck des Wassers sich zu beugen, ist jedenfalls nicht schädlich, wie der Konservative weiß, sondern ist ihm umgekehrt zunutze und fördert sein Vorankommen besser als jeder leitkulturfeindliche Minderheitenlobbyismus. Er wird eins mit dem Wasser, gleitet durch die Bahn so elegant wie ein deutscher Dampfgastorpedo durch den Nordatlantik. Der Linke dagegen verteilt weiterhin Handzettel wider den repressiven Zwangscharakter des nassen Elements.

Assimilation bedeutet keineswegs die Aufgabe der eigenen Identität

Der Linke wird also niemals richtig schwimmen lernen; ihm fehlt einfach die Grundvoraussetzung: Die Fähigkeit, sich in der eigenen Umgebung wohl zu fühlen, eins zu werden mit dem, was ihn umgibt. Volk, Nation, Kultur und Geschichte kann er nicht annehmen, sondern nur dekonstruieren und aufarbeiten, als Unterdrückungsinstrument der Mächtigen begreifen, nicht als Teil seiner selbst. Seine Existenz besteht im Kampf gegen die Herrschenden, selbst wenn seine Seite längst die Herrschende geworden ist; sein Wesen ist  die Opposition, der Widerstand. Der Konservative dagegen schätzt ein klares Regelsystem und eine verbindliche Leitkultur, er weiß, daß einfügen nicht unterordnen bedeutet. Er wird ein guter Schwimmer werden, denn Schwimmen ist konservativ.

Ewald Knülle, 7. 7. 2011

Bilder: por-img.cimcontent.net; anticsonline.co.uk; stadtwerke-huenfeld.de; strengthconditioning1.blogspot.com/beinglatino.wordpress.com [zusammengebastelt]; lsg.musin.de; bigfunnysite.com

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3 Antworten zu Schwimmen ist konservativ

  1. M. Heilmann schreibt:

    Werte Pickelhaubenträger_Innen,

    Schweren Herzens muss ich Sie darauf hinweisen, dass „Mehr Sein als Schein“ nicht von einem Paradebeispiel für deutsche Leitkultur, Angepasstheit und Hydrodynamik wie Alfred von Schlieffen geprägt wurde. Vielmehr wurde es von Helmuth von Moltke geprägt, einem prototypischen Vertreter und Befürworter heteronormativer, rassistischer, klassistischer und nationalistischer Expansionspolitik, wie sie in Deutschland vor 1945 allgegenwärtig war.

    Mit den besten pickelbehaubten Grüßen
    ein Mitglied der tausenden und abertausenden (bekanntlich abgrundtief bösartigen) Bursch_Innenschaften

    • immhoff schreibt:

      Werter Herr Heilmann,

      Danke für den Hinweis. Zu unserer Verteidigung sei Folgendes gesagt: Eine hastige google-Nachforschung ergab, daß v. Schlieffen dieser Spruch zugeschrieben wird (z. B.: http://www.gutzitiert.de/zitat_autor_alfred_graf_von_schlieffen_thema_bescheidenheit_zitat_5090.html). Das bedeutet natürlich nicht, daß er ihn auch geprägt hat.

      Ursprünglich scheint der Spruch, wie wir ja andeuteten, auf die Antike, und zwar auf Cicero und Sallust zurückzugehen, siehe hier (54,6): Gelobt wird der jüngere Cato, der als stramm konservativer Republikaner vorzog, gut zu sein, statt nur so zu scheinen (esse quam videri bonus malebat). Die englische Übersetzung können Sie oben mit dem Klick auf die kleine US-Flagge einsehen.

      Natürlich sind es nicht die Welschen, sondern erst die preußisch-deutschen Konservativen, die den Spruch in die schönste und großartigste Sprache der Welt übertragen haben. Wenn einer der beiden Moltkes dafür verantwortlich ist, dann gebührt ihm der ewige Dank des deutschen Spießertums und von uns eine Ehren-Pickelhaube.

      Gruß
      Ewald Knülle

  2. Karl Eduard schreibt:

    Schwimmen zu können, ist einfach die Lehre, die der Mensch aus dem Arche – Noah – Desaster ziehen sollte.

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