Postkolonialismus und Erkenntnisgewinn

Der Postkolonialismus ist ein vergleichsweise esoterisches Denkmodell, welches man kaum der intellektuellen Rechten zuschreiben würde. Dies aber sollte niemand hindern, sich damit einmal eingehend zu beschäftigen, findet unser Esoterik-Korrespondent Ewald Knülle

Gegen koloniale Diskurse formiert sich Widerstand.

Postkolonialismus ist ein interdisziplinärer Forschungsansatz, dem, wenn ich richtig verstehe, folgende Prämisse zugrunde liegt: (Koloniale) Herrschaft, Hierarchie und Unterdrückung werden nicht nur bzw. nicht einmal primär durch ökonomische und militärische Dominanz perpetuiert. Entscheidend ist vor allem die Macht, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zu prägen, Symbole zu benennen, Diskurse zu beherrschen. Diese Macht nun setzten die europäischen Kolonialherren äußerst geschickt dazu ein, den von ihnen unterworfenen Völkerschaften eine europäische Sichtweise (auch auf sich selbst!) aufzuzwingen. Man beraubte sie ihrer eigenen Stimme, ihrer kulturellen Identität – sie wurden subaltern und internalisierten letztlich die Sichtweise der Eroberer (colonising the mind).

Man mag sich nun an Antonio Gramscis Konzept der ‚kulturellen Hegemonie‚ erinnert fühlen oder an den Marx-Engelsschen Ideologiebegriff. Jedenfalls haben, um mit Thulsa Doom zu sprechen, die europäischen Kolonialherren das Geheimnis des Stahls gelöst: Fleisch ist stärker als Stahl. Dominiere den Verstand, und du brauchst die Klinge nicht!

Ein bedeutender Vordenker des Postkolonialismus: Thulsa Doom. Dahinter seine intellektuellen Ziehsöhne Edward Said (links) und Frantz Fanon (rechts).

Nach Thulsa Doom waren es vor allem Edward Said und Frantz Fanon, die das monumentale Gedankenwerk ihres intellektuellen Ziehvaters weiterführten. In Schwarze Haut, weiße Masken (1952) und Die Verdammten dieser Erde (1961) beschrieb Fanon im Detail die psychologischen Zwänge, welche der Kolonialismus den subalternen Nicht-Weißen auferlegte. Seine Schriften blieben nicht ohne Wirkung auf die antikoloniale Bewegung, insbesondere in Algerien. Auch die europäische Linke nahm Notiz. Doch der mit Abstand bedeutendere der beiden sollte Said sein. Mit seinem Werk Orientalismus (1978) – einem der einflußreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts – erreichte Said einen Bekanntheitsgrad, der den des Thulsa Doom beinahe überstrahlen sollte.

Said wandte sich wie Fanon dem Phänomen zu, wie der Kolonialismus eine  eigene Wahrnehmungswelt schuf. Anders als Fanon aber richtete er den Blick auf die Kolonialherren: Diese, so Said, produzierten Wissensbestände über ‚den Orient‘, die letztendlich nichts als Vorurteile waren und in mannigfacher Form (Literatur, Theater, Malerei…) Verbreitung fanden. Diese Wissensbestände und ihre Akzeptanz, dieser Orientalismus  diente nun der abwertenden Konstruktion eines ‚Anderen‘ – Carl Schmitt würde wohl sagen: eines Feindes – und damit der Legitimierung kolonialer Zwangsherrschaft. Den Prozeß und das Ergebnis des Sich-Herauslösens aus kolonialer Diskurshoheit mag man nun als Postkolonialismus bezeichnen (der Definitionen sind viele).

Die koloniale Zwangsherrschaft, welche die Kölner Campusgrünen über die Uni  und ihre Studentenschaft ausüben, haben wir an verschiedener Stelle schon beschrieben. Konkrete körperliche Erscheinung ist etwa die gewaltsame Frühstückseinnahmebehinderung zu Lasten subalterner Minderheiten. Folgen wir aber den intellektuellen Spuren von Doom, Fanon und Said, so ist von weitaus größerer Bedeutung die geistige Vorherrschaft, welche erst die Voraussetzung der bestehenden Unterdrückungsmechanismen bildet.

Denn die Campusgrünen um ihren Anführer Jonas Thiele haben das Geheimnis des Stahls gelöst. Ganz so, wie es Said beschreibt, erzeugen sie nämlich Wissensbestände über die Beherrschten, die sie schließlich vermittels Kunst, Kultur und Sprache im Bewußtsein der Kolonialherren wie auch der subalternen Studenten verankern. Ein schönes Beispiel ist dabei die kulturelle Minderheit der Burschenschafter. Es handelt sich dabei um ein marginalisiertes Volk junger Männer, die sich bisher der inneren Kolonisierung weitgehend verweigern und daher für den Herrschaftsanspruch der Kolonisten eine beträchtliche Gefahr darstellen.

Ganz so, wie im 19. Jahrhundert die Briten Teile ihrer Unterworfenen als martial races klassifiziert haben – darunter verschiedenste Ethnien und soziale Schichten wie die Gurkhas, die Rajputs und die Bhumihar-Brahmanen – werden nun den Burschenschaftern bellizistische Kollektiveigenschaften zugeschrieben: Sie tragen gerne bunte Kostüme in nationalistischen Farben, dazu eine Mütze, und schlagen sich mit dem Degen blutige Wunden ins Gesicht, wenn sie nicht gerade ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen – dem Biersaufen. So jedenfalls liest man in einem neuen Artikel des Kolonialblattes grün:fläche.

Das Andere konstruieren: Eine Abbildung aus der Kolonialzeitung grün:fläche. Die dargestellten Burschenschafter tragen bunte Kostüme in nationalistischen Farben, dazu eine Mütze, und führen den Degen. Von links: Offizier/"Chargierter", Musiker, Einfacher Bursche/"Fux". Im Hintergrund das Verbindungshaus der Kölner "Germania".

So könnte beinahe wörtlich ein Offizier der East India Company im frühen 19. Jahrhundert über jene martial races gesprochen haben, aus denen sich seine sepoys rekrutierten. Das mit dem Biersaufen hätte der Offizier allerdings weggelassen, da es sich bei den sepoys zumeist um tiefreligiöse Hindus oder Moslems handelte, deren soziale Stellung nicht zuletzt von ostentativer Glaubenstreue abhing. Doch von diesem Detail abgesehen, handelt es sich um einen kolonialen Diskurs wie geradewegs aus dem 19. Jahrhundert.

Denn vermittels einer als unumstößliche Wahrheit ausgegebenen sozialen Konstruktion wird seitens der Kolonisten ein essentialistisches Bild von ‚Anderen‘, eine unüberwindliche kulturelle Dichotomie erzeugt. Die Subalternen werden ihrer Stimme, werden jeglicher Individualität beraubt und verschmelzen zu einer amorphen Masse, die man kollektiv als nicht gesellschaftsfähig, als unterlegen sowie führungs- und erleuchtungsbedürftig betrachtet.

Dabei aber, so wissen wir seit Stuart Hall, handelt es sich um nichts anderes als Rassismus: Dieser manifestiert sich in sozialen Ausschließungspraxen und liegt vor, „wenn eine ausgrenzende Mehrheitsgruppe die Macht besäße, eine Minderheit als nicht ’normal‘ oder ‚anders‘ zu definieren und sie in ihren Lebensbedingungen zu benachteiligen“. Das Frühstückseinnahmeverbot erscheint daher als Manifestation eines anti- burschenschaftlichen Rassismus.

Das Perfide am Kolonialismus ist nun – wie bereits angedeutet – die Neigung der Kolonisierten, die Denkmuster ihrer Unterdrücker zu übernehmen. Ein trauriges Beispiel ist etwa die Burschenschaft Frankonia Erlangen, die in ihrer Außendarstellung sich der herrschenden Klasse anbiedert und auf dem linksalternativen Informationsportal Blaue Narzisse als antifa erlangen auftritt. Dies ist der klassische Fall des colonising of the mind. Postkoloniale Theorie ermöglicht uns, die Geisteswirren dieser bemitleidenswerten Kreaturen nachvollziehen und auf ihre Ursache hin analysieren zu können.

Es sollte also deutlich geworden sein, wie fruchtbar postkoloniale Denkansätze sein mögen. Wer kulturwissenschaftlich ambitioniert ist, mag die Netzpräsenz der Campusgrünen in Augenschein nehmen und dort zahlreiche Beispiele entdecken, wie – oftmals völlig unscheinbar – Wahrnehmungs- und Deutungsweisen der Kolonialherren in die Gesamtgesellschaft getragen werden. Man wird finden – nun, keinen Orientalismus zwar, aber doch wohl einen manifesten Dextraismus (dextra lat. = die Rechte), den mittels kulturwissenschaftlicher Kategorien zu erfassen und zu beschreiben einen beträchtlichen Erkenntnisgewinn bringen dürfte.

Nun muß ich zum Ende dieses Artikel gestehen, daß nicht allein die wissenschaftliche Neugier mich treibt und der Wunsch, postkolonialer Literaturtheorie auch bei den Lesern der Pickelhaube mehr Geltung zu verschaffen. Nein – ich selbst fühle mich als einer jener Subalternen und werde, so empfinde ich es, als biodeutscher Mittelschichtskonservativer und Aushilfsintellektueller meiner Kultur, Sprache, Diskursteilhabe an der Uni Köln kontinuierlich beraubt. Den campusgrünen Kolonialherren gelte ich, wie auch die Burschenschafter, als bestenfalls minderwertiger Betriebsunfall der Postmoderne.

Koloniale Unterdrückung: Der durchschnitttliche Konservative hat es nicht leicht

Wie können sich die unterdrückten Minderheiten diesen essentialisierenden Zuschreibungen widersetzen? Können wir Konservativen unsere kulturelle Identität, unsere Teilhabe am Diskurs, unsere Handlungsmacht wiedererlangen? Um mit Gayatri Chakravorty Spivak zu fragen: Can the subaltern speak?

Die Antwort lautet: Yes, we can!  Das Internet gibt uns die Möglichkeit! So besteht etwa mit dem Burschireader eine Seite, auf der mit bemerkenswerter Sachlichkeit wider den Kolonialismus argumentiert wird und selbst die Parias der universitären Kastengesellschaft zu Worte kommen dürfen. Insofern gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß einstmals auch die Uni Köln von einer antikolonialen Bewegung erfaßt und in die postkoloniale Freiheit und Glückseligkeit geführt wird.

Erwartungsvoll

Ewald Knülle, 8. 7. 2011

Literaturempfehlung: McLeod, John, Beginning Postcolonialism, Manchester 2000, 228 Seiten.

Abbildungen: uncyclopedia; content9.flixster.com; cache2.artprintimages.com; tradoria.de

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6 Antworten zu Postkolonialismus und Erkenntnisgewinn

  1. Dieter Doering schreibt:

    Wir warten sehnsüchtig auf die Lieferung von Rheinmetall, dann kann der „kölsche Frühling“ beginnen!

    Herr Knülle, abermals ein hervorragender Artikel!

    p.s. Der kleine Gartenzwerg wohnt bei mir im Keller.

    • immhoff schreibt:

      Wie, Sie wollen die Kölner Uni mit Leopard-Panzern entkolonialisieren? Das wäre nicht mein Ansatz – denken Sie daran, laut postkolonialer Theorie ist der GEISTIGE Faktor der entscheidende.

      Aber eins muß man Ihnen zugestehen: An Ambitionen mangelt es nicht!

      Gruß
      Ewald Knülle

  2. Karl Eduard schreibt:

    Schlimm, wie die Post überall ihre gierigen Finger drin hat. Jetzt auch im Kolonialismus.

  3. Skeptizissimus schreibt:

    Herrlich, wie Sie den scheinheiligen moralischen Anspruch dieses angeblich wissenschaftlichen Konstrukts demaskieren, das in Wirklichkeit nur die Verbrämung politischer Ideologien und darüber hinaus ein Bestandteil der akademschen Schuldkultliturgie ist.

    Thematisch passend möchte ich auf Kairos‘ Artikel zum Postmodernismus (bzw. Dekonstruktivismus) hinweisen, welcher auf meinem Blog veröffentlicht ist, und auf Alexander Ulfigs Artikel über „Geistige Hochstapelei“:

    http://ef-magazin.de/2010/08/02/2404-hochstapelei-das-geschwafel-der-geisteswissenschaftler

    • immhoff schreibt:

      Vielen Dank für die Links. Was den Postkolonialismus angeht, so war meine Intention jedoch nicht primär, ihn mit Bausch und Bogen zu verurteilen. Denn mit postmoderner Geistesarchitektur kenne ich mich zu wenig aus, um ganze Gedankengebäude einzureißen. Dazu sind die von Ihnen verlinkten Autoren weitaus besser in der Lage.

      Zudem gibt es ja im Rahmen postkolonialer Theorie oder interkultureller Bildung durchaus ansprechende Ansätze. Beispielsweise wird jeder Konservative nachvollziehen können, daß das Aufpfropfen einer fremden Religion, eines fremden Wertesystems für eine Gesellschaft, die nicht durch Institutionen, sondern kulturell gefaßtes Gewohnheitsrecht zusammengehalten wird, schlichtweg zerstörerisch sein kann. Da kann man den Postkolonialisten nur zustimmen. Was ich eher bemängeln würde, wäre die ja in der Tat oftmals einseitig ideologische Ausrichtung, die Weigerung, eigene Erkenntnisse auch auf andere Zusammenhänge anzuwenden als den europäischen Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert.

      Die Intention des obigen Artikels jedenfalls war es, anhand einer genuin linksintellektuellen Theorie aufzuzeigen, wie heutige Linksintellektuelle bzw. deren Epigonen genau das tun, was sie der Gegenseite stets vorwerfen: Sie errichten essentialisierende Konstrukte eines homogenen, minderwertigen Anderen. Wenn Islamfeindlichkeit Rassismus ist, dann ist es Burschifeindlichkeit ebenso, dann sind die Campusgrünen schlicht und einfach Rassisten.

      Gruß
      Ewald Knülle

  4. Pingback: Was ist Poststrukturalismus und warum ist das ansteckend? « Skeptizissimus Deutsch

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