Antiimperialismus und Orthographie

Die Kölner Student_innenzeitung Philtrat trägt seit Jahr und Tag zur politischen Bildung der hiesigen Jungakademiker_innenschaft bei. Insbesondere die sehr ausführliche Berichterstattung zum lokalen Autonomen Zentrum sowie zu Publikationen des hier und da im Verfassungsschutzbericht erwähnten Unrast Verlag besticht durch höchste Geistesleistung und journalistische Objektivität. Vor einiger Zeit hat Thomas Petrikowski mit seinem Artikel „Gegen den Imperialismus“ (Philtrat Nr. 100) erneut bewiesen, welch enormes intellektuelles Potential in der Redaktion sich ballt. Von  unseren Imperialismus-Korrespondenten Markward von Annweiler und Ewald Knülle

Markward von Annweiler (links) und Ewald Knülle haben sich kritisch mit dem Imperialismus auseinandergesetzt. Heia Safari!

Petrikowski berichtet von den 17. Weltfestspielen der Jugend und Studierenden (2010) im südafrikanischen Pretoria/Tshwane, an denen, finanziert durch Gewerkschaften und Studierendenparlament, mehrere Bielefelder Studenten teilnehmen konnten. Es handelt sich, so Petrikowski, um eine Veranstaltung, die den Imperialismus bekämpfen will. In ihren Anfangszeiten (erstmals 1947) sei sie kommunistisch geprägt gewesen, habe sich mittlerweile aber liberalisiert. Zitiert wird der teilnehmende Bielefelder Paul Buckermann: „Es ist schon eine linkspolitische Veranstaltung, aber es sind die verschiedensten Gruppierungen dabei.“

Nun hat eine ca. 2minütige google-Recherche der Pickelhaube ergeben, daß es sich wohl in der Tat um eine, nun, linkspolitische Veranstaltung handelt. Denn verantwortlich ist der Weltbund der Demokratischen Jugend, ein Dachverband, in dem solch verschiedenartige Gruppierungen vereint sind wie die Leninistisch-Kommunistische Union von Belarus, die Young Communist League (Großbritannien), die Mouvement de la Jeunesse Communiste de France und zahlreiche andere Jugendorganisationen kommunistischer Parteien weltweit. Für Deutschland sind die SDAJ dabei sowie die FDJ (daß es letztere noch gibt, war uns übrigens neu). Insgesamt führen geschätzte 95% der vertretenen Gruppierungen die Bezeichnung ‚kommunistisch‘ in ihrem Namen. Vielgestaltiger und liberaler könnte der Weltbund also gar nicht sein.

Man wird nicht behaupten können, daß der Weltbund der Demokratischen Jugend keine festen Überzeugungen habe. Die von ihm veranstalteten Weltfestspiele sind schon irgendwie eine linkspolitische Veranstaltung, wie Paul Buckermann weiß. Quelle: wfdy.org; Eintrag zum 28. 6. 2011

Der liberale Charakter der Veranstaltung wird schon dadurch deutlich, daß sie bisher unter anderem in solch freiheitlichen Musterländern wie der Demokratischen Volksrepublik Korea (1989 in Pjöngjang) stattfand. Dort, im Schatten des Chuch’e-Turmes, unter den wohlwollenden Blicken des Lieben Führers, feierten die Imperialismusbekämpfer ihre Weltfestspiele, während die nordkoreanischen Altersgenossen wohlgenährt und glücksstrahlend in unterirdischen Uranbergwerken für den Weltfrieden ackerten. Leider war Paul Buckermann damals wohl noch nicht dabei.

Bei den Weltfestspielen wird Partystimmung gegen den Imperialismus verbreitet

Letztes Jahr aber konnte, wie Petrikowski uns ja berichtet, der Bielefelder Studiosus nun an den südafrikanischen Spielen teilnehmen. Es muß eine großartige, gar überwältigende Erfahrung für die ca. 70 beteiligten Deutschen gewesen sein: „Delegationen aus über 100 Nationen tanzten und verbreiteten Party-Stimmung im Kampf gegen den Imperialismus. Nur die deutsche Vertretung zog ernst und ruhig durch die Straßen des südafrikanischen Tshwane.“ Ihr würdevolles Anliegen war es wohl weniger, den Imperialismus wegzutanzen. Vielmehr suchte die deutsche Delegation das imperialistische Zwangsdiktat der Orthographie zu durchbrechen. Beim Einmarsch ins lokale Fußballstadion nämlich präsentierte sie der Weltjugend ein Transparent mit folgender Aufschrift: „The capatalist [sic] crisis poses the question very clearly: Socialism or Barbarism?“

Die kapatalistische Krise stellt uns also vor die Wahl: Wollen wir lieber Sozialismus oder Barbarei? Diese Dichotomie findet sich schon bei Marx im Schlußwort des Kommunistischen Manifests. Verflixt, mögen sich unsere Leser nun fragen, was wollen wir denn nun? Ein Glück jedoch, daß uns die Wahl nicht schwer fallen muß. Denn eigentlich handelt es sich gar nicht um ein Gegensatzpaar: Wie die Vergangenheit hinlänglich erwiesen hat, sind Barbarei und Sozialismus perfekt miteinander vereinbar. Wir können also beides haben!

Wenn die Nachfrage steigt, bildet sich eine Schlange. Auch wenn Sahra Wagenknecht (im Bild vorne rechts) es abstreiten würde: Auf der Stufe der Barbarei gelten im Grunde die gleichen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten wie im Sozialismus

Zudem ist der Gegenbegriff zur Barbarei nicht Sozialismus, sondern Zivilisation. Letztere lebt gerade von dem, was der Sozialismus nicht ist, der Distinktion, und zwar in  Kultur und Wissenschaft ebenso wie in der Gesellschaftsstruktur. Abgesehen davon wird im Kapatalismus in aller Regel auf vernünftige Orthographie geachtet, interne antikapatalistische, antiorthographische Minderheiten natürlich ausgenommen. Insofern hätten wir den Text umdichten wollen in: The orthographic crisis poses the question very clearly: Socialism or Literacy?

Das kann doch kein Schwein lesen: Sozialisten schreiben immer so komisch

Damit aber hätten wir uns bei den neuntägigen Weltfestspielen keine Freunde gemacht. Denn nach Party und Fußballstadion wurden Seminare abgehalten, deren „breit gefächerte Themenbereiche“ zeigen, wie sehr der Weltbund sich von altlinken Dogmen abgekoppelt hat: „Apartheid, Faschismus in Europa und postkoloniale Probleme“ standen auf dem Programm – mal was Neues! Außerdem wurde ein antiimperialistisches Tribunal veranstaltet, also eine Gerichtsverhandlung,  bei der schlimme imperialistische Verbrechen an der Menschheit angeprangert wurden, nämlich die US-Blockade gegen Kuba oder die Besetzung Palästinas durch Israel.

Das ist insofern ganz großartig, als ja die Weltfestspiele in Afrika stattfanden, einem Kontinent, der noch den ein oder anderen völkermordfreudigen Diktator beheimatet. China, das für seine rasant wachsende Volkswirtschaft reichlich Rohstoffe benötigt, trägt keinerlei Bedenken, mit derartigen Regimen zusammenzuarbeiten, sich  dort massivst einzukaufen und den eigenen Einfluß geltend zu machen – ein geradezu klassisches Beispiel für die ökonomische Penetration von Dritte-Welt-Ländern durch moderne Industrienationen, d. h. für das, was man gemeinhin unter Imperialismus versteht. Komischerweise aber wurde China von der antiimperialistischen Jugend offenbar nicht angeklagt. Stattdessen saßen westliche Demokratien auf der Anklagebank.

Besonders köstlich sind natürlich die den imperialistischen Übeltätern verkündeten „symbolischen Richtersprüche“, die „keinen juristischen Wert hatten“. Wer wüßte nicht, daß derartige Richtersprüche „ohne juristischen Wert“ in der Rechtsgeschichte des Sozialismus nicht gerade selten sind? Man braucht gar nicht erst an die Schauprozesse in der Sowjetunion oder anderen Ländern des Ostblocks zu erinnern – es genügt, auf das „Justizwesen“ der DDR zu verweisen und dessen Umgang mit vermeintlichen oder tatsächlichen Dissidenten. Aufschlußreich ist etwa ein Blick in Gregor Gysis Doktorarbeit.

Schmunzelnd wider den Klassenfeind: Hilde "rote Guillotine" Benjamin, Verkörperung der DDR-Justiz

Wer jetzt aber denkt, es handele sich bei den Weltfestspielen schlichtweg um eine Versammlung linksextremer Dauerpolitpupertärer mit altkommunistischer Einheitsmeinung, der irrt. Denn Teilnehmer Buckermann berichtet Autor Petrikowski vom enormen Binnenpluralismus innerhalb der Demokratenjugend: „Es war spannend die vielen verschiedenen Perspektiven zu hören, der Begriff Anti-Imperialismus wird beispielsweise überall anders ausgelegt.“ In der Tat: Die Jungdemokraten aus  Marokko legten den Begriff so aus, daß ein antiimperialistischer Terrritorialanspruch ihres Landes auf Westsahara bestehe. Die von dort stammende Delegation sah das anders. Das Ergebnis war eine saftige Schlägerei.

Nichtsdestotrotz zeigt sich Buckermann von den Weltfestspielen begeistert: „Wir konnten viele Kontakte und Netzwerke knüpfen, es hat sich definitiv gelohnt.“ Einzig mit den Antiimperialisten aus Nordkorea kam er nicht so richtig ins Gespräch. Die waren nämlich irgendwie so reserviert – mehr als smalltalk war da nicht zu machen, wie sich Buckermann wundert. Schade, ein Netzwerk mit Pjöngjang wäre für die Bielefelder Befreiungsbewegung sicher sehr förderlich.

Dem Autor Thomas Petrikowski gebührt für seinen Bericht jedenfalls höchstes Lob. Denn er hat die Essenz dieser antiwestlichen Propagandaparty sehr schön herausgearbeitet: Westliche Demokratien wurden verurteilt, Dritte-Welt-Regime und kommunistische Diktaturen hingegen blieben von Kritik verschont. Dies wird  bei den nächsten Weltfestspielen, die in Vietnam stattfinden sollen, sicherlich ganz anders. Es bleibt zu hoffen, daß wieder eine Delegation deutscher Studierender dorthin reisen kann, mit freundlicher finanzieller Unterstützung der Gewerkschaften und des jeweiligen Studierendenparlamentes. Diesmal aber reist dann hoffentlich jemand mit, der weiß, daß das Wort ‚Kapitalismus‘ im Deutschen wie auch im Englischen nur zwei a hat.

Orthographisch

Markward von Annweiler (Sachargumente, Substantielles)/Ewald Knülle (Polemik), 15. 7. 2011

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Antiimperialismus und Orthographie

  1. mmollin schreibt:

    Liebe PickelhaublerInnen,

    Es ist kein Wunder, dass die Anzahl derartiger Veranstaltungen ständig steigt: Was ist schöner, als sich mit anderen Gleichgesinnten (jungen Leuten)- am besten noch in Africa, Cuba oder sonstwo- zu treffen und sich wichtig bzw. intellektuell überlegen zu fühlen? Man ist eben heutzutage „Aktivist“…und liegt damit „voll im Trend“, siehe beispielsweise dieses Foto: 

    http://www.stern.de/politik/deutschland/bahnhofbau-in-stuttgart-polizei-raeumt-blockaden-der-s21-gegner-1695432.html

    Es besteht in der reinen Motivation dabei keinerlei Unterschied zu jeder anderen politisch verordneten Ideologie- heute trägt man nur eben kein Braunhemd, sondern, vorzugsweise Anoraks einer bestimmten Kleidungsfirma und ist, zumindest für die Dauer der Demo, „Draussen zu Hause“- was für eine Farce! 

    Doch wer will es den Menschen verdenken? Das „grüne Marketing“ is „running on all cylinders“- sämtliche Medien, Organisationen, Unternehmen und politischen Ebenen vermitteln ja eben genau dieses Lebensgefühl; sich dagegen zu stemmen und gleichzeitig nicht nur eine Familie wohl zu ernähren, sondern auch einen akzeptablen Bekanntenkreis zu erhalten, ist, gelinde gesagt, „anspruchsvoll“. Dann doch lieber mit dem Strom schwimmen!

    Im Film „Der Unhold“ sagt Armin Mueller- Stahl, der noch die Uniform des Kaiserreichs trägt zu John Malkovich (Abel) während beide der HJ beim nächtlichen, und nur durch Fackeln beleuchteten „Hitlerschwur“ zusehen „Das viele Feuer- Du bist sicherlich ganz verwirrt“ > http://de.m.wikipedia.org/wiki?search=der unhold

    Und genau das ist es heute wieder, siehe Website der „campusgruenen“. Der Mensch ist eben schwach…

    • immhoff schreibt:

      Ich wäre ein Heuchler, würde ich Ihnen da widersprechen. Wer gegen den Strom schwimmt, kann untergehen, und aus Angst davor trete ich hier nur mit Pseudonym auf.
      Und ja – der Mensch braucht Halt, sehnt sich nach Gemeinschaft und einem höheren Ziel – wer wüßte das besser als die Konservativen? Unser Schland kann da offenbar keine ausreichenden Identifikationsangebote bereitstellen, und so spielen die jungen Leute den revolutionären Politclown, anstatt sich um ihre und ihres Landes Zukunft zu kümmern (was ja auf mich, unter etwas anderen Vorzeichen, ebenfalls zutrifft). Schon bekloppt.
      Gruß
      Ewald Knülle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s