Die Schöne und das Nazi-Biest

Semesterferien. Eine schreckliche pamphletarme Zeit bricht an. Die propandistische Kreativität des Gegners ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Was tun? Seriöse Berichterstattung kommt nicht in Frage. Aber Nazis und nackte Haut gehen immer, am besten beides kombiniert. Von unserem Society-Experten Markward von Annweiler

"Früherziehung zum Kapitalismus": Die Deutsche Bank nimmt Kindern ihre Kuscheltiere weg.

 

Die Deutsche Bank nehme Kindern ihre Kuscheltiere weg, berichtet die Philtrat in ihrer letzten Ausgabe (1). Doch wer will  über solche Auswüchse eines kaltherzigen Kapitalismus schon berichten? Anders als mein Kollege Ewald möchte ich mich wirklich nicht bei der Philtrat bewerben. Ein anderes Jobangebot schien mir bis vor kurzem wesentlich attraktiver: Michelle Hunziker suchte nämlich einen neuen Leibwächter.

Michelle Hunziker

 

Sie hatte nämlich ihren bisherigen Leibwächter wegen eines „Nazitatoos“ gefeuert.  Aufmerksame Bildzeitungsleser hatten das Zeichen des Bösen entdeckt. Auch der Stern sekundierte dem Rausschmiss mit der weisen Bemerkung: „Ein Tattoo sollte gut überlegt sein. Vor allem dann, wenn dieses Tattoo gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstößt.“ Hatte der Bodyguard sich etwa ein Hakenkreuz stechen lassen? Oder irgendwelche ungutdünkliche Runen, die der FDGO zuwider liefen? Nichts dergleichen: Tatsächlich hatte er sich nebst Totenköpfen und Spinnenweben eine geballte Faust auf den Oberarm tätowieren lassen, die als Symbol für „White Power“ gilt.

Ein Bild aus früheren Tagen: Michelle Hunziker und ihr Leibwächer Federico frönen ihrem gemeinsamen Hobby, dem Tätowieren.

 

Wie konnte Michelle Hunziker das dunkle Geheimnis ihres Leibwächters so lange entgehen? Hat sie wirklich nichts gesehen oder wollte sie es nicht sehen? Doch wie so viele Deutsche in den langen 50er Jahren beteuerte die Schweizerin, sie habe von von all dem ‚nichts gewußt’: „Bis vor wenigen Wochen habe ich Federico nur in langen Hosen und Hemd gesehen und wusste nicht einmal, dass er so viele Tattoos hat.“

Tückisch: Bei vollständig angekleideten Nazis sind ihre demokratiefeindlichen Tattoos nicht zu erkennen.

 

Wer jetzt von mir ein kulturpolitisches Lamento erwartet, etwa in diesem Stil: ‚soweit ist es mit der politisch-korrekten Hysterie schon gekommen, dass man noch nicht einmal mit Nazitattoos baden gehen darf’, oder ‚nun sind auch die bisher so biederen Bildzeitungsleser zu antifantischen Lauerjägern mutiert, armes Deutschland’, den muß ich leider enttäuschen. ‚White Power’-Fäuste zwischen Spinnen und Totenköpfen sind ästhetisch und weltanschaulich mehr als fragwürdig: bei wohlwollender Interpretation könnte die düstere Symbolik allenfalls als eine Antizipation des baldigen Untergangs der weißen Rasse aufgefasst werden.

Auch werde ich Michelle Hunziker nicht kritisieren. So etwas überlasse ich einem mit Bildungsdünkel behafteten und vom Neid auf Sexappeal und Körperkraft zerfressenen Möchtergern-Feuilletonistentum.  Frau Hunziker hat vollkommen richtig gehandelt, als sie den totenkopftragenden Muskelprotz entließt. Inzwischen hat sie den Leibwächter, der sich als bußfertig erwiesen hatte, sogar wieder eingestellt. Damit hat Hunziker sich wieder einmal als die gutherzige Frau erwiesen, die zu recht von einem Milionenpublikum geliebt wird. Bodyguard Federico hat nämlich das üble Abzeichen inzwischen durch ein Herzchen mit Flügeln ersetzt. Aber Vorsicht: Könnten die Flügel nicht als Anspielung auf den Reichsadler gedeutet werden?

Helmut Kohl, der pfeiferauchende Fiesling aus der Pfalz.

Dass Helmut Kohl ein Tattoo trägt ist eher unwahrscheinlich. Aber auch er gilt vielen als böse. Sicher, er hat die Autobahnen gebaut, aber die deutsche Einheit haben ihm viele nicht verziehen. Er hat brave DDR-Bürger mit Bananen zum CDU-Wählen und „Helmut!Helmut!“-Schreien verführt. Durch seine „Heim-ins-Reich-Politik“ (so Jutta Oesterle-Schwerin, die damalige Fraktionssprecherin der Grünen) hat er dem deutschen Imperialismus wieder die Möglichkeit gegeben, über 80 Millionen Menschen zu herrschen(2). Aber er ist auch voll gemein zu seiner eigenen Familie, wie ein mutiger und kritischer Artikel des Spiegel offenlegt, der den polyphagen Pfälzer wohl endlich den publizistischen Fangschuß versetzen soll (3). Laut Auskunft der Söhne Peter und Walter hat er nämlich seine Familie vernachlässigt. Ja, da sieht man mal wieder, wie verlogen die bösen Konservativen mit ihrer Förderung der heterosexuellen Kernfamilie sind. Wäre Helmut Kohl schwul gewesen, wäre all das nicht passiert. Somit sind auch seine Söhne Peter (Investmentbanker) und Walter (selbständiger Unternehmer) Opfer des menschenverachtenden Systems Kohl.

(1) Ouvertüre, in: Philtrat 101 Juli 2011.

(2) s. Helmut Kohl, „Ich wollte Deutschlands Einheit“. Dargestellt von Kai Diekmann und Rolf Georg Reuth, Berlin 2010, 157. Als Helmut Kohl am 28.11. 1989 im Bundestag seine Deutschlandpolitik im Zehn-Punkte-Programm vorstellte, warf diese Dame dem Kanzler vor, er habe keine Skrupel, „das deutsche Staatsgebiet um ein Drittel zu vergrößern und sich sechzehn Millionen neuer Untertanen zu verschaffen.“

(3) Die Familie Kohl -ein deutsches Drama, in: Der Spiegel, Heft 28, 2011, 32 ff.

Markward von Annweiler, 18.07. 2011

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Eine Antwort zu Die Schöne und das Nazi-Biest

  1. Karl Eduard schreibt:

    Immer wieder verstoßen Tattoos gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung … alleine durch ihre Existenz. Gut, daß Tattoos noch keine Menschenrechte haben.

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