Ewalds Anekdoten (I): Tätowierte Packesel

In der skandalträchtigen neuen Campus 1/2011 schrieb Felix Springer (S. 22),  daß Frauen durchschnittlich weniger leistungsfähig seien als Männer. Wo Frauen [in Masse] rekrutiert würden, seien entweder verstärkte Ausfälle die Folge oder Doppelstandards und ein gesenktes Leistungsniveau, also ein verminderter „Kampfwert“. Diese Ungeheuerlichkeit bezeichnete nun die Süddeutsche Zeitung als „Parolen aus einer vergangenen Zeit“. Wir würden es  natürlich nicht wagen, der Süddeutschen zu widersprechen. Doch spürt unser Korrespondent Ewald Knülle den unüberwindlichen Drang, seine Leser mit einem kleinen, thematisch passenden Schwank aus seinem Leben zu langweilen.

Ich erinnere mich an einen England-Aufenthalt vor einigen Jahren. In dem Sportverein, an dessen Training ich mehrere Wochen lang teilnahm, waren drei Angehörige einer lokalen Einheit der Königlichen Marineinfanterie. Sie waren mir zunächst nicht als solche aufgefallen, da sie entspannt unsoldatisch und vollkommen unprätentiös wirkten und in der Kabine z. B. über Lady Gaga oder den Tauchurlaub sprachen, nicht aber über Militärisches. Einzig ersichtlicher Unterschied zu den übrigen Sportlern waren die vielen Tätowierungen und die enorm trainierte Oberkörpermuskulatur.

Ihre Hüte mögen scheiße aussehen, aber durch coole Tätowierungen machen sie das wieder wett

Als ich sie dann klugscheißerisch fragte, ob denn ein so starkes Oberkörpertraining der Leistung in einer Ausdauersportart nicht abträglich sei, meinten sie, das sei zwar richtig, doch bräuchten sie das regelmäßige Gewichteheben für ihren Beruf, da sie im Einsatz ein enormes Gewicht mit sich herumschleppten. Einem von ihnen stand ein Lehrgang im nördlichen Norwegen (im Winter… hahaha) bevor, und er erklärte mir, daß er dort mit Ausrüstung und Winterbekleidung seine 40 Kilo Traglast leicht zusammenbekomme. Ohne kraftvolle Schulter-, Rumpf- und Rückenmuskulatur seien mit dieser Last längere Märsche oder kurze, intensive Sprints überhaupt nicht möglich, geschweige denn weitere Scherze wie Skilanglauf oder Abseilen (engl. to abseil/abseiling, wirklich!).

Um ihre Packesel-Qualitäten zu verbessern, machten die drei regelmäßig nach dem Training folgende Übung: Einer nahm den anderen auf die Schulter und lief ca. 200 Meter über den nahegelegen Rugbyplatz. Danach folgte ohne größere Verschnaufzeit ein Satz Klimmzüge. Es sei noch erwähnt, daß die drei, die ja vom Körperbau her kenianischen Langstrecklern eher unähnlich waren, in der Disziplin  ‚Laufen ohne menschliches Gepäck‘ auf 5000 Meter deutlich unter 20 Minuten blieben.

In besagtem Sportverein waren auch einige Frauen, die – das sei gesagt – verdammt fit waren. Doch hätte ich ihnen jene Höchstleistungen im Bereich des Packeseltums, wie sie die drei  Tätowierten vollbrachten, nicht ansatzweise zugetraut. Diese Knaben hätten jedes durchschnittliche Maultier vor Neid erblassen lassen, wenn denn ein durchschnittliches Maultier vor Neid erblassen könnte.

Jetzt vermute ich mal, daß eine Einheit, die aus solchen Superpackeseln besteht, schlichtweg leistungsfähig ist – also viele Einsätze bei geringer Ruhezeit absolvieren kann, weniger Ausfälle erleidet und sich im Gefecht gut hält, etc. Sie hat daher, aus rein militärischer Perspektive, einen hohen Kampfwert*.

Ein moderner Infanterist von hohem Kampfwert. Deutlich erkennbar: Neben Waffe, Munition und Kampfmitteln, Feldflasche, Verbandszeug, ABC-Schutz, Spaten, Schlafsack und Zeltbahn müssen Schutzweste, GPS-Empfänger sowie Kommunikationsaus-rüstung direkt am Mann mitgeführt werden

Sollten nun Soldaten aufgenommen werden, die eine geringere Befähigung zum Packesel haben, dann würde das – wiederum unter rein militärischem Gesichtspunkt – den Kampfwert der Einheit senken. Auch ist wohl im Vergleich zu den männlichen Soldaten nur ein geringerer Prozentsatz der weiblichen in der Lage, mit 40 kg am Leib den Tag auf den Beinen zu verbringen oder einen 90-kg-Kollegen durch die Gegend zu tragen. Das wird man ganz unideologisch wohl einsehen können – man muß ja die Beurteilung von Menschen allein nach ihren militärischen Qualitäten nicht gutheißen, ebensowenig wie die Ausdrucksweise Felix Springers.

Ich jedenfalls hätte aufgrund mangelnder biomechanischer Nähe zum Packesel – trotz ansatzweise vorhandenem Testosteron – bei den Royal Marines und wahrscheinlich auch bei der bundesdeutschen Infanterie rein gar nichts verloren. Das sollte zu Recht den tätowierten Packeseln überlassen bleiben.

Anekdotenhaft

Ewald Knülle, 19. 7. 2011

*Da Felix Springer sich mit Bundeswehrsprech wohl auskennt, nehme ich an, es handelt sich um einen offiziellen, klar definierten Begriff.

Bilder: iknowwhereitsat.com; bdp-aktuell.de

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2 Antworten zu Ewalds Anekdoten (I): Tätowierte Packesel

  1. Karl Eduard schreibt:

    Ja. Jeder kennt natürlich irgendwo einen Marineinfanteristen, der ihn im Vorurteil bestärkt, Frauen wären im Vergleich zu Männern, was physische und psychische Leistungsfähigkeit betrifft, weniger leistungsfähig. Aber schaut nur mal auf unsere fleissigen Frauen bei der Müllabfuhr, am Hochofen oder beim Straßenbau, wie sie da ihren Mann stehen. Oder als Möbelträgerinnen. Das ist doch das entscheidende. Nicht? Und was ist mit Superwomen und Supergirl und Buffy?

  2. Sophist X schreibt:

    In ihrem investigativen Glanzstück legt Maria Holzmüller in der Süddeutschen Zeitung dar, dass dieser Böcker offenbar der rechten Szene angehört. Er hat ihr also einstweilen seine Mitgliedskarte der rechten Szene noch nicht zugefaxt, aber sie sammelte unermüdlich Indizien, die Maria am Ende zu dieser Offenbarung führten. Ich möchte noch ein paar hinzufügen: Er randaliert nicht am Ersten Mai, er verprügelt keine Bullen, er schmeißt keine Brandflaschen und Pflastersteine und zündet keine Autos an. Rechte Szene, eindeutig.

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