Antirassismus im Alltag

Köln ist die Welthauptstadt der Toleranz. Denn es gibt mindestens drei Schwulenlokale in der Altstadt. Außerdem haben viele bedeutende Kölner Migrationshintergrund: Der Liedermacher Willi Ostermann stammte aus dem Sauerland (*schauder*), der Volksschauspieler Willy Millowitsch, welcher durch das erschütternde Antikriegsdrama  „Falscher Hase, Herr Obergruppenführer“ oder so ähnlich Weltruhm erlangte, kam ursprünglich aus Jugoslawien. Und der derzeitige OB Jürgen Roters ist eingentlich Belgier. Kein Wunder also, daß intolerante Gruppierungen wie „Pro-Köln“ in der Migrantenmetropole entschlossen bekämpft werden.  So super das alles auch  ist, ein hysterischer Antirassismus zeugt ebenso wie die übertriebene Anbiederei bei Ausländern eher von Unsicherheit als von multikultureller Harmonie. Ein Erfahrungsbericht von unserem Mulitkultifrontberichterstatter Markward von Annweiler

Alltagsszene aus der Kölner U-Bahn. Hinter der scheinbar so biederen Fassade lauern Toleranz, Weltoffenheit und Antirassismus.

Neben der grassierenden Gewaltlosigkeit und einem immer mehr um sich greifenden Pazifismus ist in unserer Gesellschaft ein zunehmender Antirassismus zu beobachten. In Köln braucht man nur einmal des Nachts mit der U-Bahn zu fahren. Letztens saß mir schräg gegenüber ein bebrillter, schwarzhaariger Mann mit Trotzkifrisur, der fortwährend  verkündete: „Alle hier sind Nazis, alle sind Rassisten. Sie sind überall. Ich werde sie alle töten, jedes einzelne, dreckige Rassistenschwein.“

Der junge Lew Bronstein alias Trotzki auf einem Polizeifoto, das während seines Exils in Köln (1903-6) aufgenommen wurde. Trotzki, der rein gar nichts mit dem Thema hier zu tun hat, wurde später mit einem Eispickel erschlagen ("Basic Instinct").

Da fiel mir vor Schreck fast das Monokel aus dem schmissezerfurchten Gesicht, und der Schweiss rann mir vom Kragen meines gestärkten Vorhemderl bis in die Stiefelspitzen.  War ich als Mitarbeiter der Pickelhaube enttarnt worden? Zwar ist die Pickelhaube lediglich ein Blog von allenfalls mäßig rassistischen Aushilfskonservativen, aber in den Augen eines ergrimmten, offensichtlich angetrunkenen Antifaschisten zählen solche Differenzen wenig. Doch vielleicht hatte er nur unter stetiger Alkohohlzufuhr ein PC-Ballerspiel gedaddelt, in dem „Nazis“, d.h. Soldaten der deutschen Wehrmacht, als Schießbudenfiguren fungieren, die immer nur „guten  Tag“ oder „Halt“ sagen. So was kann einen halt aggressiv machen. Auch mich versetzen derartige Spiele in Wut. Aber nicht wegen des pseudogermanischem Gebrabbels oder weil man immer einen Ami spielen muss, sondern weil die Uniformen der deutschen Kombattanten mit penetranter Bosheit falsch dargestellt sind!

Die deutschen Uniformen in Castle Wolfenstein entsprechen zwar nicht der historischen Realität, aber dafür machen solche Spiele wenigstens aggressiv.

 Ein anderes mal sah ich im KVB-Waggon eine Frau mit Kopftuch und langem Mantel ausrasten. Sie war im üblichen Gedrängel beim Aussteigen von einer blonden, mitteleuropäisch aussehenden Frau versehentlich angerempelt worden. Sofort schrie sie: „Rassistin!“  An die anderen Fahrgäste gewandt, die den Vorfall bemerkt hatten, aber ihn, wie es üblich ist, geflissentlich ignorierten, erklärte sie: „Wieder eine Rassistin!“, und aufseufzend: „Aber da kann man nichts machen!“ Zugeben, in einem Punkt war ihr  Zorn nicht ganz unberechtigt: Zunächst sollte man grundsätzlich in öffentlichen Verkehrsmitteln beim Aussteigen nicht drängeln,  sondern rücksichtsvoll abwarten, auf dass man niemandem zu nahe trete. Falls man aber doch angesichts eines träge bei den Türen verharrenden Fahrgastes eine Anrempelung für dringend erforderlich hielte, dann müsste man, wollte man der Denkungsart jener Frau folgen, wohl vorher sicherheitshalber Volks- bzw. Religionszugehörigkeit erfragen. Aber ist das nicht auch schon wieder rassistisch? Wenn schon gerempelt werden muss, sollen doch alle gleichermaßen betroffen sein!

Oftmals ist die Volkszugehörigkeit für den ethnologischen Laien nicht leicht zu erkennen.

 

Aber ich bin bei diesem Thema wohl übersensiblisiert, da ich meine politische Sozialisation in den harten Lichterkettenwintern nach der Wiedervereinigung erfahren habe. In unguter Erinnerung geblieben ist mit noch ein bärtiger Sozi, der als Teilnehmer an einer Demonstration gegen Fremdenhass im Fernsehen erschien. Er trug einen gelben Judenstern mit der Aufschrift: „Ausländer“. Was wollte er uns damit sagen? Daß „Bonn“ (damals war es noch Bonn) für in Deutschland wohnende Ausländer einen gelben Stern vorschreiben solle, damit man sie in der U-Bahn nicht anrempele, oder damit die Ausländer, falls sie von Neonazis ermordet werden sollten, leichter identifiziert werden könnten? Wahrscheinlich aber wollte der gute Mann suggerieren, daß „die Ausländer“ die Juden von heute sind, mit denen er sich  solidarisieren oder eigentlich schon identifizieren wollte. Der Berliner Kaberettist Wiglaf Droste hat solche Zurschaustellung von Moral und (vermeintlicher?) Solidarität in seinem Vortrag „Eiapopeia mit Negern“ verspottet: „Sind wir gut? Ja, wir sind gut! Wir fassen Ausländer an, auch ganz schwatte!“

Alltag in Kölns U-Bahnen: Oft bleibt Menschen afrikanischer Herkunft angesichts der penetranten Anbiederungsversuche ihrer ursprungsdeutschen Mitbürger nur noch die Flucht.

Ungefragt Ausländer anzufassen gehört sich nämlich nicht. Das bringt uns zu einem Phänomen, das genaugenommen schon kein Antirassismus mehr ist, sondern vielmehr eine Schland-typische Art von Rassismus darstellt: das Anbiedern und Betatschen von Negern in öffentlichen Verkehrsmitteln. Immer häufiger nämlich muss man mit ansehen, wie angetrunkene Partyleute in U-Bahnwagen offenbar gezielt nach Menschen mit dunkler Hautfarbe Ausschau halten. Sie stellen oder setzen sich dann neben diese, behelligen die Dunkelpigmentierten mit Gesprächsangeboten und suchen einen dem Gegenüber offensichtlich ganz unerwünschten Körperkontakt.  Einmal mußte ich (wiederum in der U-Bahn) beobachten, wie so ein neudeutscher, rastagelockter Depp versuchte, einem Schwarzen eine bestimmte Art des Handschlags aufzunötigen, die der weiße Möchtergernneger offensichtlich für ghettolike oder jamaikanisch hielt. Hier liegt aber ein Denk- und Verhaltensfehler zugrunde: Nur weil einer schwarze Hautfarbe hat, muss er noch lange nicht „locker drauf“ sein und von dem Wunsche beseelt, mit wildfremden Leuten ghettotypische Handschütteltechniken auszutauschen. Er möchte vielleicht einfach nur sinnend in der U-Bahn sitzen oder schweigend seinem Feierabend entgegendrömeln. Wäre ich ein Dichter, würde ich wohl ein Gedicht darüber verfassen, das so begänne: ‚möcht’ durchaus in Schland nicht Neger sein’.

Antirassistisch

Markward von Annweiler, 03.08. 2011

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2 Antworten zu Antirassismus im Alltag

  1. Total Erschüttert schreibt:

    Seit wann eigentlich Marward von … hieß es nicht einst Markward? Oder bist Du an der K-Frage derart zerborchen… aber lassen wir das. Soso, Willi Ostermann ein Sauerländer, in Deutz beginnt nach Adenauer zwar der Sozialismus, aber in Mühlheim nicht das Sauerland, oder gehörst Du wohlmöglich selbst diesem Stamme an und fühlst Dich als Volk ohne Raum, dessen territoriale Selbstbestimmtheit bis zum Fuße der Zoobrücke reicht? Rein inhaltlich (wenn man davon überhaupt sprechen kann) hättest Du Dich vielleicht auf den Mainzer Krätzchens-Sänger (Kotz) Ernst Neger versteifen (kotz, kotz, schauder) sollen. Der singende Dachdeckermeister ist ja mit seinem Lied (Sieg) Heile Heile Gänschen berühmt geworden, da hätte sich doch bestimmt auch noch humoristischer Honig…
    Ach was für ein tolle Assoziationskettengerassel. Hab wirklich laut gelacht!
    In Verehrung, ein treuer Gastleser!

    • immhoff schreibt:

      Danke für die Hinweise, Sie sind genau der Typ des kritischen Lesers, den wir uns für diese Seite wünschen. Der Lektorat war wohl mal wieder nicht sorgfältig genug…

      Gruß
      M. A.

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