Die geheime Rede des AStA-Vorsitzenden

Wir von der Pickelhaube sind, so sollte man denken, nichts als rückgratlose Sprücheklopfer: Mutig vor dem Bildschirm, feige im persönlichen Gespräch; erzreaktionär an der Tastatur, schleimig-bücklingshaft im Seminar. Stimmt genau – doch hat das Dasein als unerkannter Untergrundfaschist auch seine Vorteile. So konnte sich unser Korrespondent Ewald Knülle inkognito bei der gestrigen, ausserplanmäßigen AStA-Sitzung einschleichen und eine geheime Rede des 1. Vorsitzenden dokumentieren*. Man lese und erzittere!

Uni Köln, im Oktober 2011: In der Aula tagt der AStA

„Liebe Genossinnen und Genossen,

seit Februar 2011 gibt es nun den rot-rot-grünen AStA.  Ziehen wir eine erste Bilanz, so können wir mit Stolz auf das Erreichte zurückschauen. Denn eins steht fest: Obwohl wir über kein allgemeinpolitisches Mandat verfügen, konnten wir, wie nach der Wahl schon angekündigt, die rein hochschulbezogenen Angelegenheiten weit hinter uns lassen. Es gibt quasi keine Verlautbarung des AStA und seiner Referate mehr, die nicht mit dem Kampf gegen Neoliberalismus, Faschismus, Klassismus und Zwangsheteronormativität in Zusammenhang stünde. Nahezu jeder Bereich der universitären Lebenswelt wurde als Betätigungsfeld für progressiv-emanzipatorische Bewusstseinsarbeit erschlossen! (Beifall.)

Erfolgsgarant ist dabei unsere breite Koalition, die hier im AStA Grüne, Jusos und Linke.SDS vereint, und die für zahlreiche direkte Aktionen auch auf die Hilfe revolutionärer Kräfte außerhalb der Uni bauen kann. So gelang es uns, gemeinsam mit dem VVN-BdA das mehrtägige festival contre le racisme inklusive einer großangelegten Ausstellung im Mensagebäude durchzuführen. Weitere rege Kooperation gab es mit den Genossinnen und Genossen der lokalen Antifa und den Kapitalismusgegnerinnen und –gegnern des Autonomen Zentrums Köln, etwa im Kampf gegen die Faschisten der Burschenschaft Germania. Natürlich geht es uns dabei stets um Meinungsvielfalt und Pluralismus – wir sind ja tolerant. (Heiterkeit.) Und selbstverständlich haben solche Aktivitäten mit dem, was die Büttel des Monopolkapitals ‚Linksextremismus‘ nennen, rein gar nichts zu tun. (Ausgelassene Heiterkeit.)

Nein, Genossinnen und Genossen, jetzt mal im Ernst: Unser Rezept könnte erfolgreicher nicht sein. In den samtrot-weichen Kuschelmantel des bundesbürgerbiedermeierlichen Linksliberalismus hüllen wir immer stärker auch genuin revolutionäre Programmatik. Das Beste ist noch, dass wahrscheinlich viele nicht-klassenbewusste Studenten ernsthaft denken, uns ginge es primär um rein systemkonforme Anliegen wie Umweltschutz oder Arbeitnehmerrechte. (Heiterkeit.)

In solchen Anliegen allein kann sich unsere Tätigkeit natürlich nicht erschöpfen. Nein, wir müssen weiterdenken – es gilt, die gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur, überdies Ideenhaushalt, Wertsysteme, Sprache und Gedanken einem grundlegenden Wandel zu unterziehen. Dieser Kampf, Genossinnen und Genossen, wird hier geführt, hier an der Uni! (Beifall.) Und wir werden siegen in diesem Kampf. Wir besetzen jeden Diskurs. Wir bestimmen, was Begriffe bezeichnen – Rassismus, Faschismus, Neoliberalismus etwa, das sind die Schwerter, die wir führen; Antidiskriminierung, Antifaschismus, soziale Gerechtigkeit sind unser Schild. Wer wäre in der Lage, uns diese Waffen zu entreißen? Wer Nazi ist, bestimmen wir! (Stürmischer Beifall.)

Im studentischen Alltag haben wir so gut wie jede politische Regung für uns nutzbar gemacht. Bestes Beispiel ist der Bildungsstreik: Der Unmut vieler junger Leute über Studiengebühren, rappelvolle Hörsäle und die Vergabe von Seminarplätzen durch Verlosung hat diese Bewegung dereinst ins Leben gerufen. Tüchtigen Aktivistinnen und Aktivisten gelang es, unsere politischen Forderungen vollumfänglich zu implementieren: Wer auch immer sich heutzutage am Bildungsstreik beteiligt, demonstriert gleichzeitig für Mindestlohn, Abschaffung von Leih- und Zeitarbeit, Ausbildungspflicht für alle Unternehmen sowie die obligatorische Übernahme aller Auszubildenden in ein Vollzeitarbeitsverhältnis – kurzum: für erste Schritte von der neoliberalen Ausbeutungspraxis hin zu einer zeitgemäßen Planwirtschaft. Es ist wirklich ein Meisterstück, dass wir diese breite und im Kern ja bürgerliche Bewegung vor unseren Karren spannen konnten! (Stürmischer Beifall.)

In der Folge sind allein wir diejenigen, die den vorpolitischen Raum dominieren. Mittlerweile stößt es nicht mehr auf den leisesten Widerstand, wenn wir etwa auf den systemisch und kulturell bedingten Rassismus der sozialen und politischen Mitte dieses Landes hinweisen – diese Einfaltspinsel finanzieren uns und lassen sich auch noch bereitwillig als Rassisten bezeichnen! Naja, wie sagt man so schön: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. (Heiterkeit.)

Zugegeben, manche unserer Vorwürfe sind strenggenommen nicht ganz wasserdicht. So werden, wie die Genossin Zweite Vorsitzende in einem Interview einst angedeutet hat, an der Uni Köln natürlich keine Waffen entwickelt. Aber das muss ja niemand wissen. Denn öffentlichkeitswirksam war diese Unterstellung durchaus, Genossin! Gratulation! (Applaus.) Was sage ich da – ‚Unterstellung‘. Bei uns heißt das ja: ‚angewandte Dialektik‘! (Ausgelassene Heiterkeit.)

Und natürlich steht die Intensität unserer aufklärerischen Berichterstattung zu den am offensten rassistischen Gruppierungen hier in Köln – den Burschenschaften – in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die real von ihnen ausgeht. Die ca. 30 aktiven Burschenschaftler trauen sich ja kaum noch aus ihren Häusern raus, geschweige denn in ihren Karnevalsuniformen. Die wissen schon, was ihnen dann blüht. (Heiterkeit.) Sie sind also kaum eine wirkliche Bedrohung für unsere Bewusstseinsarbeit an den über 41.000 Studierenden. Trotzdem müssen wir unsere Agitation gegen diese reaktionären Spinner noch intensivieren – denn ihr wisst, Genossinnen und Genossen: Nichts hat den Sozialismus so sehr legitimiert wie den Antifaschismus. Der Kampf gegen rechts darf niemals enden! (Beifall.)

Einige kritische Anmerkungen noch zu den Behauptungen unserer politischen Gegner. Bürgerliche Agitatoren behaupten, dass mit dem explosionsartigen Anwachsen der Weltbevölkerung harte Verteilungskämpfe um die knapper werdenden Ressourcen vor uns stünden – Verteilungskämpfe, in denen sich Deutschland und Europa nur dann werden behaupten können, wenn sie wirtschaftlich auf internationaler Ebene konkurrenzfähig sind. Menschenrechte und Demokratie, so heißt es weiter, seien nicht etwa das universalpolitische Kernziel aller werktätigen Massen weltweit beziehungsweise der Menschheit überhaupt – nein, sie seien spezifische Entwicklungen des sogenannten europäischen Kulturkreises, geboren in jenem historischen Moment, als sich die nationalstaatliche und kapitalistische Ordnung zum bestimmenden Modell herausbildete. (Unmutsäußerungen.)

Welch perfide Logik – die Menschenrechte werden gewissermaßen in Beschlag genommen, um die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die fortgesetzte Ausbeutung des Menschen durch Staat und Kapital sowie das vermeintliche Bestehen von ‚Nationen‘ und ‚Kulturkreisen‘ zu rechtfertigen. Dabei zeigt sich doch schon an der revolutionären Bewegung in den arabischen Ländern, dass eine anti-ausbeuterische, emanzipatorisch-progressive, eben wahrhaft demokratische Gesellschaft auch dort zum Leitbild geworden und keineswegs das Hirngespinst verwöhnter Intellektuellenkinder aus westlichen Industrienationen ist. Demokratie, Genossinnen und Genossen, entsteht erst aus dem immerwährenden Kampf gegen Nation, Staat und Kapital. (Beifall.)

Leider weiß das nicht jeder. Und so gibt es in der universitären Lehre hier und da noch ideologischen Abraum der bürgerlichen Klasse. Vor einiger Zeit etwa konnte der kapitalismushörige Historiker Hans-Ulrich Wehler in einem Gastvortrag allen Ernstes behaupten, dass eine Gesellschaft, die sich als Leistungsgesellschaft versteht, soziale Ungleichheit braucht und auch verteidigen muss. (Bestürzung.) Der soll bloß froh sein, dass er schon emeritiert ist. Um solche Schweinereien in Zukunft zu verhindern, möchte ich insbesondere unsere Genossinnen und Genossen des Antifa AK zu erhöhter Wachsamkeit auffordern.

Doch im Ganzen können wir zufrieden sein. Mir ist hier an der Uni kein Dozent bekannt, der es noch wagen würde, fundamental antisozialistisch zu argumentieren. Kein Wunder – dem würden wir schon zeigen, was er sich erlauben kann und was nicht. (Heiterkeit.) Mit unserer Ringvorlesung ‚Alternativen Denken‘ jedenfalls ist ein erster Schritt getan, die Festung Wissenschaft zu stürmen, und endlich wieder kritische Inhalte in die Lehre einzubringen. Den linken AStA in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf! (Beifall.)

Ganz nach Genosse Gramscis Konzept der ‚kulturellen Hegemonie‘ sind allein wir diejenigen, die zustimmungsfähige Ideen produzieren. Unsere unaufhörliche Agitation, die ubiquitäre Präsenz unserer Druckerzeugnisse hat selbst bei den nicht klassenbewussten Studierenden den Eindruck bestärkt, dass das legitime Meinungsspektrum vom orthodoxen Marxismus bis hin zur ökologisch-progressiven Linken reicht, dass alles rechts davon als reaktionär bis faschistisch anzusehen ist. Angesichts dieses auch gesamtgesellschaftlich feststellbaren Mentalitätswandels kann es nur noch ein kleiner Schritt sein, bis dass auch in der großen Politik die letzte reaktionärbourgeoise Bastion den revolutionären Kräften erliegt!“ (Stürmischer Beifall minutenlang, Hochrufe, schließlich gemeinsames Singen der ‚Internationale‘.)

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Hinweis: Es handelt sich hier um einen literarischen Text. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorgängen, mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

* Einen Text wie diesen zu produzieren wäre einem stumpfsinnigen, halbgebildeten Stammtischfaschisten wie mir ohne Hilfe nicht möglich. Mein herzlichst sozialistischer Dankesgruß geht daher an den Genossen Michael Klonovsky, einen intellektuellen Arbeiter zutiefst marxistischer Prägung, dessen grandiose geheime Rede Erich Honeckers mir hier als Abschreibvorlage Inspirationsquelle gedient hat. Von Klonovsky lernen heißt siegen lernen!

Gen. Ewald „Guttenberg“ Knülle, 7. 10. 2011

Bild: nzz.ch

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